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Indem wir ihn anschauen

Wir aber alle schauen mit unverhülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn im Spiegel und werden nach demselben Bilde umgewandelt von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, als durch den Geist des Herrn.(2.Kor. 3,18)

Vierzig Tage hatte Mose auf dem Berge in der Gemeinschaft mit seinem Gott zugebracht, und als er herabkam, da glänzte sein Angesicht im Widerschein der göttlichen Herrlichkeit. Er selbst wusste es nicht, aber Aaron und das Volk sahen es (2 Mose 34, 30) und fürchteten sich, ihm zu nahen. Dieser Vorgang ist uns ein Bild davon, was im Neuen Bunde geschieht. Das Vorrecht, das damals Mose allein genoss, wird nun jedem Gläubigen. zuteil. Wenn wir die Herrlichkeit Gottes in Christo anschauen, im Spiegel der Heiligen Schrift, so scheint seine Herrlichkeit auf uns und in uns hinein und erfüllt uns dermaßen, dass sie wieder aus uns strahlt. Dadurch, dass der Gläubige Jesu Herrlichkeit anschaut, wird er durch den Geist nach diesem Bilde umgewandelt. Das Anschauen Jesu macht uns ihm ähnlich.

Das Auge übt schon im natürlichen Leben einen mächtigen Einfluss aus auf Gemüts- und Charakteranlagen. Die Erziehung wird hauptsächlich durch das Auge geleitet, denn ein Kind wird sich sehr nach den Gewohnheiten derer richten, die es beständig sieht. Um unseren Charakter zu bilden und umzuschaffen, zeigt uns der himmlische Vater seine göttliche Herrlichkeit im Angesicht Jesu Christi. Er tut es in der Voraussetzung, dass es uns eine Freude sein wird, ihn anzuschauen, und weil er weiß, dass wir durch solches Anschauen in dieses Bild umgestaltet werden. Wer nun wünscht, Jesus ähnlich zu werden, beachte daher genau, wie er dazu gelangen kann.

Schaue unablässig die in Jesu geoffenbarte göttliche Herrlichkeit an. Welches ist das Hauptmerkmal dieser Herrlichkeit? Es ist die Darstellung der göttlichen Vollkommenheit in menschlicher Gestalt. In diesem Bilde göttlicher Herrlichkeit fällt uns hauptsächlich zweierlei auf: Jesu Erniedrigung und seine Liebe. Zuerst betrachten wir die Herrlichkeit seiner Erniedrigung. Darin, dass der ewige Sohn Gottes sich entäußerte und Mensch wurde, dass er Knechtsgestalt annahm und gehorsam war bis zum Tode am Kreuz, darin liegt die höchste Herrlichkeit Gottes. Die Herrlichkeit seiner Schöpferallmacht oder seiner Heiligkeit ist nicht so wunderbar wie die Herrlichkeit der Gnade, wodurch er sich zum Knechte gemacht hat, um Gott und den Menschen zu dienen. Wir müssen lernen, auf diese Erniedrigung als auf eine Herrlichkeit zu schauen, und alles, was sonst herrlich genannt werden mag, muss uns daneben als dieses Namens unwürdig erscheinen. Jesu Demut muss in unseren Augen das Allerschönste, Wunderbarste, Wünschenswerteste werden, das man sich nur denken kann; ja es muss unsere Freude werden, sie anzuschauen oder auch nur daran zu denken. Je länger wir dieses Bild anschauen und bewundern, desto mehr werden wir erkennen, dass es keine größere Ehre geben kann, als Jesu ähnlich zu. sein und zu handeln, und wir werden danach verlangen, uns gleich ihm zu erniedrigen. Das Aufschauen auf Jesus, die Bewunderung und Anbetung, die wir ihm darbringen, wird in uns denselben Sinn wirken, der in ihm war, und also werden wir in sein Bild verwandelt werden.

Unzertrennlich hiermit verbunden ist die Herrlichkeit seiner Liebe. Die Erniedrigung führt uns zurück auf die Liebe als deren Ursprung und Triebkraft. Die Schönheit der Erniedrigung hat ihren Grund in der Liebe. Aber die Liebe war ein verborgenes Geheimnis, bis sie sich in Christo Jesu offenbarte. Erst als er Mensch wurde, in Sanftmut und liebendem Erbarmen mit den Menschen, den törichten, sündigen, feindseligen Menschen verkehrte, da wurde die Herrlichkeit der göttlichen Liebe recht kund getan. Ein Christ, der einen Blick in diese Herrlichkeit tut, wird sich danach sehnen, Jesu hierin ähnlich zu. werden. Indem er die Herrlichkeit der Liebe Gottes in Christo anschaut, wird er in dasselbe Bild verwandelt.

Du möchtest Jesu ähnlich werden? Siehe, hier ist der Pfad, der dazu führt: Schaue an die Herrlichkeit Gottes in Jesu Christo. In ihm, das will sagen: betrachte nicht allein die Gedanken, die Worte und Werke, worin seine Herrlichkeit sich offenbart, sondern schaue auf ihn selbst, den lebendigen, liebenden Heiland. Siehe ihn an, blicke in seine Augen, in sein Angesicht als in dasjenige eines liebevollen Freundes, des lebendigen Gottes.

Schaue ihn an mit Anbetung; beuge dich vor ihm als vor deinem Gott; seine Herrlichkeit hat die allmächtige, lebendige Kraft, sich uns mitzuteilen, auf uns überzugehen und uns zu erfüllen.

Schaue ihn an im Glauben, übe dich in dem seligen Vertrauen, dass er dein ist, dass er sieh selbst dir gegeben hat, und dass du auf alles, was er ist, Anspruch machen darfst. Es ist sein Vorsatz, sein Bild in dir festzustellen. Schaue ihn an in der freudigen, gewissen Erwartung, dass die Herrlichkeit, die du an ihm siehst, dir zugedacht ist. Er wird sie dir geben; indem du ihn anschaust und ihm vertraust, wirst du Jesu ähnlich gemacht.

Schaue ihn an mit starkem Verlangen. Gib der Trägheit des Fleisches nicht nach, die sich zufrieden gibt, ohne den vollen Segen der Verwandlung in das Bild Jesu empfangen zu haben. Bitte den Herrn, dich von allem fleischlichen Ausruhen bei dem schon Erreichten zu befreien und dich mit einem tiefen, unauslöschlichen Sehnen nach seiner Herrlichkeit zu erfüllen. Das Gebet Moses: „Zeige mir deine Herrlichkeit!“ werde auch zu deiner inbrünstigen Bitte. Lasse dich durch nichts, auch nicht durch deinen scheinbar langsamen Fortschritt, entmutigen, sondern jage mit stets wachsendem Verlangen nach der Erfüllung dessen, was das Wort Gottes dir vorhält: „Wir werden nach demselben Bilde umgewandelt von Herrlichkeit zu Herrlichkeit.“

Vor allem lasse, indem du ihn anschaust, den Blick der Liebe nicht fehlen. Sage ihm beständig, dass er dein Herz gewonnen habe, dass du ihn liebst und dass du ihm ganz und gar angehörst. Sage ihm, dass es deine höchste, deine einzige Freude sei, ihm, dem Geliebten, wohlzugefallen. Das Band der Liebe, das ihn mit dir verbindet, werde immer inniger; und die Liebe macht ähnlich.

Verwandelt nach Jesu Bild! Ja, das können, das sollen wir werden, ein jedes nach seinem Maße. Der Heilige Geist ist das Pfand hierfür. Gottes heiliges Wort sagt: „Wir werden nach demselben Bild umgewandelt von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, als durch den Geist des Herrn.“ Der Geist, der in Jesu war, und durch den die göttliche Herrlichkeit in ihm wohnte und aus ihm strahlte, dieser Geist heißt: „Der Geist der Herrlichkeit.“ Der Geist ist in uns, wie er in Jesu war, und seine Aufgabe ist es, das, was wir in stiller, anbetungsvoller Betrachtung an unserem Herrn Jesu sehen, auf uns überzuleiten und in uns zustande zu bringen. Durch diesen Geist wohnt bereits das Leben Jesu mit allen seinen Gnadengaben in uns. Aber dieses Leben muss geweckt und entwickelt werden; es muss zunehmen, in unser ganzes Wesen übergehen, von unserer ganzen Natur Besitz ergreifen, sie durchdringen und beherrschen. Wir können uns darauf verlassen, dass der Heilige Geist das in uns wirken wird, wenn wir uns ihm nur gänzlich übergeben und ihm gehorchen. Indem wir auf Jesus schauen, wie er uns aus dem Wort entgegen tritt, öffnet der Heilige Geist unsere Augen, dass wir die Herrlichkeit alles dessen, was Jesus ist und tut, sehen können. Er macht uns willig, ihm ähnlich zu werden. Er stärkt unseren Glauben, dass, was wir an Jesu sehen, auch an uns erreicht werden könne, weil Jesus selbst uns angehört. Unaufhörlich wirkt er in uns das Bleiben in Jesu und eine völlige Vereinigung und Gemeinschaft mit ihm. Er handelt nach der Verheißung: „Der Geist wird mich verklären, denn von dem Meinen wird er es nehmen und euch verkündigen.“ Wir werden in das Bild, auf das wir schauen, verwandelt, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, als durch den Geist des Herrn.

Lasst uns ja nicht außer acht lassen, dass die Fülle des Geistes uns gegeben ist, und dass derjenige, der sich im

Glauben diesem Geist hingibt und öffnet, es erfahren wird, wie wunderbar er sein Werk vollendet, indem er unseren Seelen, unserem ganzen Leben den Stempel und das Bild Jesu Christi aufdrückt.

Mein Bruder, meine Schwester! Schaue Jesus und seine Herrlichkeit an, dann darfst du zuversichtlich erwarten, ihm ähnlich gemacht zu werden; überlasse dich nur in völliger Stille und Ruhe der Seele, der Leitung des Geistes. Der Geist der Herrlichkeit ruht auf dir. Schaue und bete an die Herrlichkeit Gottes in Christo; dann wirst du mit göttlicher Kraft umgewandelt von Herrlichkeit zu Herrlichkeit. Durch die Macht des Heiligen Geistes wird jene gewaltige Umwandlung in dir vor sich gehen, wodurch all dein Verlangen gestillt wird und du die selige Erfahrung machen darfst, dass dein Leben nach Jesu Bild gestaltet wird.

0 mein Herr! Ich danke dir für die köstliche Versicherung, dass dein Heiliger Geist, während ich dich anschaue, mich in seine Behandlung nimmt, mich nach deinem Bild umgestaltet und deine Herrlichkeit mir aufdrückt.

Herr, lasse mich deine Herrlichkeit sehen! Mose war vierzig Tage bei dir gewesen, als deine Herrlichkeit auf seinem Angesichte glänzte. Ich bekenne es, meine Gemeinschaft mit dir ist früher zu flüchtig gewesen, ich habe mir zu wenig Zeit genommen, um einen völligen Eindruck von deinem Bilde zu bekommen. Herr, lehre es mich! Lasse mich auch durch diese meine Betrachtungen dazu kommen, dich so lange mit Anbetung anzuschauen, bis meine Seele bei jedem einzelnen Zug deines Bildes ausrufen muss: Dies ist herrlich! Es ist die Herrlichkeit Gottes! 0 mein Gott, zeige mir deine Herrlichkeit!

Stärke auch meinen Glauben, lieber Herr, dass dein Heiliger Geist sein Werk in mir fortführen werde, wenn ich mir auch keiner besonderen Erfahrung bewusst bin. Mose wusste nicht, dass sein Angesicht glänzte. Herr, bewahre mich davor, dass ich nicht mich selber anschaue: lasse midi so sehr von dir eingenommen sein, dass ich midi selbst in dir vergesse und verliere. Herr, wer sich selbst gestorben ist, der lebt in dir.

0 mein Herr, sooft ich dein Bild als mein Beispiel anschaue, will ich es in dem Glauben tun, dass dein Heiliger Geist midi erfüllen, gänzlich Besitz von mir ergreifen und mich nach deinem Bilde umgestalten wird, auf dass die Welt etwas von deiner Herrlichkeit an mir sehen möge. In diesem Glauben wage ich es, dein köstliches Wort: „Von Herrlichkeit zu Herrlichkeit“ zu meiner Losung zu machen. Dies wird mir zur Verheißung einer täglich reichlicheren Gnade, eines stets zunehmenden Segens werden, wobei alles bereits Empfangene nur ein Angeld noch größerer Dinge ist, die ich zu erwarten habe. Treuer Heiland, indem ich dich anschaue, wird es auch an mir zur Wahrheit werden: „Von Herrlichkeit zur Herrlichkeit!“ Amen!

Anmerkung. Wie viel Belehrung können wir der menschlichen Kunst der Photographie entnehmen in Bezug auf die Verklärung nach Jesu Bild, von der unser Text spricht. Schauen wir einem Photographen bei seiner Arbeit zu, so bemerken wir zweierlei: den Glauben an die Kraft und Wirkung des Lichts und die genaue Befolgung aller Gesetze desselben. Mit welcher Sorgfalt wird die Platte zubereitet zur Aufnahme des Bildes; wie pünktlich wird deren Stellung zu dem abzubildenden Gegenstände angeordnet; wie still und ungestört muss sie dann dem Originale gegenüberstehen! Sind alle diese erforderlichen Zurichtungen getroffen, so überlässt der Photograph es dem Licht, dass es sein wunderbares Werk zustande bringe: wahrlich, das ist ein Glaubenswerk.

Diese Winke enthalten eine wichtige Lehre. Wir wollen glauben an das Licht Gottes und an seine Macht, das Bild Jesu unserem Herzen aufzudrücken. „Wir werden nach demselben Bilde umgewandelt, als durch den Geist des Herrn.“ Darum lasst uns nicht danach trachten, die Arbeit des Geistes selbst zu vollbringen, sondern lasst uns es ihm einfach Zutrauen, dass er sie zustande bringen wird. Unsere Aufgabe ist es, nach einem zubereiteten Herzen zu trachten, das sich nach der Ähnlichkeit mit Jesu sehnt, darum bittet und sie erwartet — unseren Platz Jesu gegenüber einzunehmen, ihn anzuschauen, uns in ihn zu vertiefen, ihn zu lieben und anzubeten und zu glauben, dass dies wunderbare Bild des Gekreuzigten die sichere Bürgschaft dafür ist, was wir werden können; unsere Aufgabe ist es ferner, alles Zerstreuenden uns zu entledigen und mit gesammelter Seele, stille zu Gott, den heiligen Geist, als das Licht Gottes, sein Werk vollenden zu lassen. Ebenso sicher und wunderbar wie bei dem irdischen Lichtdruck wird dann unseren Seelen jenes unvergleichliche Bild auf gedrückt werden.

Noch einen Gedanken drängt es mich beizufügen: Was ist es doch um den Beruf der Prediger als der Diener dieser himmlischen Photographie für etwas so überaus Wichtiges und Verantwortliches! (Siehe 2 Kor. 4, 6) Sie müssen die Gläubigen weiterführen und sie auf Jesus und jeden Zug seines Wesens und Wandels hinweisen als auf das Bild, dem sie ähnlich werden sollen. Sie müssen jene Sehnsucht, jenen tiefen Durst nach der Umgestaltung in Jesu Bild, das die notwendige Zubereitung der Seele ist, zu wecken suchen. Sie haben die Aufgabe, die Christen zu lehren, sowohl im gemeinsamen als im verborgenen Gebetsleben sich vor das Angesicht des Herrn zu stellen, und indem sie ihr ganzes inneres Wesen den Strahlen seiner Herrlichkeit und Liebe entdecken und aufschließen, ihm Zeit zu lassen, in ihre Herzen einzuziehen, davon Besitz zu nehmen und sie durch seinen Geist nach seinem ewigen Bilde umzugestalten.

„Wer ist hierzu tüchtig? Dass wir aber tüchtig sind, ist von Gott, der auch uns tüchtig gemacht hat zum Amt des Geistes.“