Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

In seiner Selbstverleugnung

Wir aber, die wir stark sind, sollen der Schwachen Gebrechlichkeit tragen und nicht Gefallen an uns selber haben. Es stelle sich aber ein jeglicher unter uns also, dass er seinem Nächsten gefalle zum Guten, zur Besserung, denn auch Christus nicht an sich selber Gefallen hatte, sondern wie geschrieben steht: die Schmach derer, die dich schmähen, ist auf mich gefallen. Darum nehmet euch untereinander auf, gleichwie Christus euch aufgenommen hat zu Gottes Lobe. (Röm. 15,1—3. 7)

Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir.    (Matth. 16, 24)

Christus hat nicht Gefallen an sich selbst gehabt; er trug die Schmach, womit die Menschen Gott schmähten und vermehrten, mit Geduld, auf dass er seinen Vater verherrlichen und die Menschen erlösen möchte. Er hatte nicht Gefallen an sich selbst: dies Wort ist der Schlüssel zum Leben Jesu, sowohl in seiner Beziehung zu Gott als auch zu den Menschen. Auch hierin muss sein Leben unser Vorbild und unsre Richtschnur sein; wir, die wir stark sind, sollen nicht Gefallen an uns selber haben.

Sich selbst verleugnen — dies ist das gerade Gegenteil von dem: „Gefallen an sich selber haben.“ Als Petrus den Herrn verleugnete, sagte er: ich kenne den Menschen nicht, ich habe nichts mit ihm und seinen Angelegenheiten zu tun; ich wünsche nicht, als sein Freund angesehen zu werden. Gerade so verleugnet der wahre Christ sich selbst, den alten Menschen: ich kenne diesen alten Menschen nicht; ich will nichts mit ihm und seinen Angelegenheiten zu tun haben. Und wenn ihm Schmach oder Unrecht getan oder etwas von ihm verlangt wird, das der alten Natur zuwider ist, so spricht er einfach: macht mit dem alten Adam, was ihr wollt, er geht mich nichts an. Durch das Kreuz Christi bin ich der Welt, dem Fleisch und dem eigenen Ich gestorben; ich betrachte diesen alten Menschen als einen Fremden; ich leugne, dass er mein Freund ist; ich nehme keinerlei Ansprüche und Wünsche seinerseits an; ich kenne ihn nicht.

Der Christ, dem es nur um seine Errettung von Fluch und Verdammnis zu tun ist, kann dies nicht verstehen; es ist ihm unmöglich, sich selbst zu verleugnen. Aber ein Jünger Jesu, der seinen Herrn als Vorbild genommen hat, kann sich damit nicht zufrieden geben; er verlangt nach der völligen Gemeinschaft mit dem Kreuze Christi. Der Heilige Geist hat ihn gelehrt zu sagen: ich bin mit Christo gekreuzigt und darum der Sünde und dem eigenen Ich gestorben. In der Gemeinschaft mit Jesu sieht er den alten Menschen, als einen verurteilten Verbrecher, gekreuzigt; er schämt sich, ihn als Freund anzuerkennen; es ist sein fester Entschluss, wozu er auch die Kraft erhalten hat, nicht länger seiner alten Natur zu Gefallen leben, sondern sie zu verleugnen. Weil der gekreuzigte Christus sein Leben ist, darum, ist ihm nun die Selbstverleugnung Lebensregel geworden.

Diese Selbstverleugnung erstreckt sich über jegliches Gebiet des Lebens. So war es im Leben Jesu und so muss es bei einem jeden sein, der sich danach sehnt, ihm von ganzem Herzen nachzufolgen. Bei dieser Selbstverleugnung kommt nicht sowohl alles Sündliche, Unerlaubte, dem Gesetze Gottes zuwiderlaufende in Betracht als vielmehr Erlaubtes oder scheinbar Gleichgültiges. Dem selbstverleugnenden Geist steht immer der Wille und die Verherrlichung Gottes höher als die eigenen Interessen oder Freuden.

Ehe wir es lernen können, unseren Nächsten zu gefallen, muss die Selbstverleugnung zuerst in unserem persönlichen Leben zur Geltung gekommen sein. Das heilige Fasten dessen, der da gesagt hat: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes gehet“, dessen, der nicht essen wollte, bis ihm sein Vater Nahrung gab, bis des Vaters Werk getan war — es lehrt den Gläubigen eine heilige Mäßigung im Essen und Trinken. Die heilige Armut dessen, der nicht hatte, da er sein Haupt hinlegte, lehrt ihn, den Besitz, den Gebrauch und den Genuss irdischer Dinge stets so einzurichten, dass er besitzen könne, als besäße er nicht. Nach dem Beispiel des heiligen Leidens Jesu, der unsere Sünden an seinem eigenen Leibe auf dem Holz getragen hat, lernt er alles Leiden geduldig tragen; an seinem Leibe, als dem Tempel des Heiligen Geistes, wünscht er, das Sterben des Herrn Jesu herumzutragen (2 Kor. 4, 10) ; mit Paulus zähmt er seinen Leib und betäubt ihn (1 Kor. 9, 27), und alle seine Begierden lässt er von der Selbstverleugnung Jesu beherrschen; er sucht nicht sich selbst zu gefallen.

Die Selbstverleugnung erstrecket sich auch auf den Geist. Der Gläubige unterwirft seine eigene Weisheit und sein Urteil dem Worte Gottes; er verzichtet auf seine eigenen Gedanken und öffnet sich der Unterweisung des Wortes und des Geistes Gottes. Auch den Menschen gegenüber bezeigt er diese Verleugnung seiner eigenen Weisheit damit, dass er bereitwillig hört und lernt, dass er, auch wo er weiß, dass er im Rechte ist, mit Sanftmut und Demut seine Meinung ausspricht, und stets bemüht ist, das Gute bei anderen herauszufinden und anzuerkennen.

Ferner hat die Selbstverleugnung es hauptsächlich mit dem Herzen zu tun. Alle seine Neigungen und Wünsche werden ihr unterstellt, und hauptsächlich wird der Wille, diese königliche Macht der Seele, ihr untertänig gemacht. So wenig die Selbstsucht Anteil haben konnte am Leben Jesu, so wenig darf sein Nachfolger ihr erlauben, seinen Wandel zu beeinflussen; die Selbstverleugnung muss sein Lebenselement werden.

Solange jemand mit geteiltem Herzen sich zu einem Leben der Selbstverleugnung zu zwingen sucht, ist es freilich schwer; aber für denjenigen, der sich rückhaltlos dazu hergibt, weil er das Kreuz von ganzem Herzen ergriffen hat, damit es die Macht der Sünde und das eigene Ich zerstöre, ist der daraus entspringende Segen ungleich größer als alle scheinbaren Opfer und Verluste. Er wagt kaum mehr von Selbstverleugnung zu reden, so groß ist das Vorrecht, dass er dadurch genießt, dass er nach Jesu Bild umgestaltet wird.

Es ist nicht so, wie manche sich vorstellen, dass die Selbstverleugnung in Gottes Augen von mehr oder weniger Wert ist, je nach dem Maße des Schmerzes, den sie verursacht. Nein, denn dieser Schmerz kommt hauptsächlich von einem noch verborgenen Widerstreben her. Dem Herrn am wohlgefälligsten ist die Selbstverleugnung wohl in der Seele, die mit stiller Sanftmut oder sogar mit Freuden darein willigt, die um Jesu willen nichts als ein Opfer ansieht, und verwundert ist, dass andere von Selbstverleugnung reden können.

Es gab Zeiten, wo die Menschen glaubten, sie müssten in die Wüste oder in die Stille der Klöster flüchten, um sich selbst zu verleugnen. Der Herr Jesus dagegen hat uns gelehrt, dass wir am besten in unserem gewöhnlichen Umgang mit anderen Menschen diese Selbstverleugnung ausüben können. Deshalb sagt auch Paulus: Wir sollen nicht Gefallen an uns selber haben, . . . dass wir unseren Nächsten gefallen zum Guten, zur Besserung ... weil auch Christus nicht Gefallen an sich selber hatte . . . Darum nehmet euch untereinander auf, gleichwie euch Christus hat aufgenommen. Nichts Geringeres als die Selbstverleugnung unsers Herrn, der nicht Gefallen an ihm selber hatte, darf unser Ziel sein. Was er war, sollen wir sein; was er tat, sollen wir tun.

Welch ein herrliches Leben würde es sein, wenn dies einmal in der Gemeinde Christi zur Wirklichkeit würde! Da wird jeder es als den Zweck seines Daseins ansehen, andere glücklich zu machen; ein jeder wird sich selbst verleugnen, nicht das Seine suchen, andere höher achten als sich selbst. Da wird jede Empfindlichkeit, aller beleidigte Stolz, alles Gefühl der Hintansetzung verbannt sein. Als Nachfolger Jesu wird ein jeder suchen, den Schwachen zu tragen und seinem Nächsten zu gefallen zur Besserung. Die wahre Selbstverleugnung wird sich darin offenbaren, dass niemand an sich selbst denkt, sondern jeder nur für den anderen lebt. „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir.“ Dies Wort gibt uns nicht nur den Willen, sondern auch die Macht, uns selbst zu verleugnen. Wer nicht bloß durch Jesus in den Himmel zu kommen wünscht, sondern ihm um seiner selbst willen nachgeht, der wird ihm auch folgen, und in dem Herzen eines solchen wird Jesus bald die Stelle einnehmen, die früher das eigene Ich inne hatte. Jesus allein wird dann der Mittelpunkt und das Ziel seines Lebens; die ungeteilte Hingabe zur Nachfolge Jesu wird mit dem wunderbaren Segen gekrönt, dass Jesus durch seinen Geist selbst sein Leben wird. Jesu Geist selbstverleugnender Liebe wird über ihn ausgegossen, und es wird ihm nun zur größten Herzensfreude, das alte Ich zu verleugnen, wodurch er eben zu der innigsten Gemeinschaft mit Gott gelangt. Die Selbstverleugnung ist für einen solchen Nachfolger Jesu nicht mehr eine Pflicht, die er bloß deshalb erfüllt, um vollkommen zu werden; auch ist sie nicht nur ein negativer Sieg, der hauptsächlich darin bestünde, das alte Ich drunten zu behalten. Jesus hat die Stelle des Ich eingenommen, und seine Liebe und Sanftmut fließen auf andere über, seit dem alten Ich der Abschied gegeben wurde. Kein Gebot wird dann köstlicher und natürlicher als dieses: „Wir sollen nicht Gefallen an uns selber haben, weil auch Christus nicht an sich selber Gefallen hatte.“ „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und folge mir.“

Lieber Herr, ich danke dir für diesen neuen Ruf, dir nachzufolgen, und nicht Gefallen an mir selbst zu haben, gleichwie du keinen Gefallen an dir selbst hattest. Ich danke dir, dass ich diesen Ruf nicht mehr, wie ehemals, mit Furcht anzuhören brauche. Deine Gebote sind mir nicht mehr schwer; dein Joch ist sanft, und deine Last ist leicht. Was ich an deinem Erdenleben als Vorbild für mich sehe, ist zugleich ein Pfand dessen, was du mir durch dein himmlisches Leben gibst. Ich habe dies nicht immer so deutlich verstanden. Als ich dich schon lange gekannt hatte, wagte ich noch immer nicht, an die Selbstverleugnung zu denken. Aber hat man einmal gelernt, was es heißt, das Kreuz auf sich zu nehmen, mit dir gekreuzigt zu sein und den alten Menschen ans Kreuz geheftet zu sehen, dann ist es nicht mehr schwer, ihn zu verleugnen. O, mein Herr, wer würde sich nicht schämen, der Freund eines gekreuzigten, verfluchten Verbrechers zu sein? Seit ich es erfahren habe, dass du mein Leben bist, und dass du eine Seele, die sich dir gänzlich übergibt und anvertraut, auch vollständig in deine Pflege nimmst, um in ihr das Wollen und das Vollbringen zustande zu bringen, ist es mir nicht mehr bange, ob du mir auch die Liebe und Weisheit geben werdest, deinen Fußstapfen auf dem Pfade der Selbstverleugnung freudig nachzufolgen. Hochgelobter Herr, deine Jünger sind dieser Gnade nicht wert, aber weil du uns doch dazu erwählet hast, wollen wir gern nicht länger Gefallen an uns selbst haben, sondern ein jeder unserem Nächsten dienen, wie du es uns gelehrt hast. O lasse hierzu deinen heiligen Geist mächtig in uns wirken.