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In seiner Selbstaufopferung

Wandelt in der Liebe, gleichwie Christus uns hat geliebt und sich selbst dar gegeben für uns als Gabe und Opfer, Gott zu einem süßen Geruch. (Eph. 5, 2)

Daran haben wir erkannt die Liebe, dass er sein Leben für uns gelassen hat; und wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen.(1. Joh. 3, 16)

Worin besteht die Verbindung zwischen Selbstaufopferung und Selbstverleugnung? Jenes ist die Wurzel, woraus dieses entspringt. In. der Selbstverleugnung bewährt sich die Selbstaufopferung, und die Seele wird dadurch gestärkt und bereitwillig gemacht, ihre völlige Übergabe stets zu erneuern. Wir sehen dasselbe bei Jesus. Seine Menschwerdung war eine Selbstaufopferung, die durch sein Leben der Selbstverleugnung erprobt wurde, und dadurch wurde er dann wieder vorbereitet auf die große Tat der Selbstaufopferung in seinem Tode am Kreuz. Bei jedem einzelnen Christen muss es auch gehen. Seine Bekehrung kann gewissermaßen eine Aufopferung seiner selbst genannt werden, wenn sie es auch, aus Unwissenheit und Schwachheit, nur teilweise ist. Aus dieser ersten Tat der Selbstübergabe entspringt dann die Notwendigkeit einer täglichen Übung in der Selbstverleugnung. Durch die Anstrengungen, dies zustande zu bringen, wird ihm seine Schwachheit geoffenbart und er wird für jene neue und völlige Selbstaufopferung vorbereitet, worin er allein die Kraft findet zu fortlaufender Selbstverleugnung.

Die Selbstaufopferung ist das wahre Wesen der Liebe. Der höchste Beweis der Liebe besteht ja darin, dass man sich selbst vergisst, und sein Glück in dem Geliebten findet. Es ist die Natur der Liebe, dass sie sich selbst daran geben muss, um irgendeinen Mangel, einem Bedürfnis des Geliebten zu entsprechen; sie strebt danach, sich mit ihm zu vereinigen und um jeden Preis ihn an ihrem Glück teilnehmen zu lassen.

Wer kann es ergründen, ob nicht hierin ein Geheimnis verborgen liegt, das erst die Ewigkeit enthüllen wird, ob nicht vielleicht deshalb der Sündenfall zugelassen wurde, weil sich sonst Gottes Liebe niemals so völlig hätte offenbaren können. Die überschwänglichste Herrlichkeit der Liebe Gottes trat in der Selbstaufopferung Jesu zutage. Es ist auch für den Christen der höchste Ruhm, darin seinem Herrn ähnlich zu werden. Ohne vollständige Selbstaufopferung kann das neue Gebot, das Gebot der Liebe, nicht erfüllt werden. Ohne vollständige Selbstaufopferung können wir nicht lieben, wie Jesus liebte. „Seid Nachfolger Gottes“, ermahnt der Apostel, „und wandelt in der Liebe, gleichwie Christus uns hat geliebt, und sich selbst dar gegeben für uns zum Opfer.“ Lasset allen euern Wandel, nach dem Vorbilde Jesu, in der Liebe geschehen. Es war die Liebe, die das Opfer Jesu Gott so wohlgefällig machte, als ein süßer Geruch. Gleichwie seine Liebe sich in seiner Selbstaufopferung äußerte, so lasset eure Liebe der seinigen ähnlich werden in der täglichen Selbstaufopferung für das Wohl anderer, dann werdet ihr auch Gott wohlgefällig werden. „Wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen.“

In den täglichen Beziehungen unsers Familienlebens, in dem Verhältnis zwischen Mann und Frau, Eltern und Kindern, Vorgesetzte und Angestellte, muss die Selbstaufopferung Jesu die Richtschnur unsers Wandels werden. „Ihr Männer, liebet eure Frauen, gleichwie Christus auch geliebt hat die Gemeinde, und hat sich selbst für sie gegeben.“    «

Ich möchte eure Aufmerksamkeit auf die Worte lenken: „Er hat sich selbst dargegeben für uns, als Gabe und Opfer, Gott.“ Wir sehen, dass hier die Selbstaufopferung zwei Seiten hat, die eine Gott gegenüber und die andere den Menschen gegenüber. Es war wohl für uns, dass Jesus sich als Opfer gab, aber das Opfer brachte er Gott dar. Auch unsere Selbstaufopferung muss diese beiden Seiten verbinden, wenn auch zuweilen die eine oder die andere mehr in den Vordergrund tritt.

Nur wenn wir uns selbst Gott darbringen, können wir Kraft bekommen, zu einer völligen Selbstaufopferung. Der Heilige Geist zeigt es dem Gläubigen, welch ein Anrecht Gott an uns hat, dass wir nicht uns selbst angehören, sondern ihm. Wenn es einem Gläubigen klar wird, wie vollständig er Gottes Eigentum ist, das er durch Blut erkauft und bezahlt hat, mit welcher wunderbaren Liebe Gott ihn geliebt hat, und wie selig es ist, sich ihm mit allem, was er hat und ist, zu überlassen, dann kommt er dazu, sich als ein völliges Brandopfer ihm hinzugeben. Er legt sich selbst auf den Weihaltar und findet darin seine höchste Freude, seinem Gott ein süßer Geruch zu sein; er ist Gott hingegeben und von Gott angenommen. Nun ist es aber sein höchster und heißester Wunsch, zu wissen, wie er in seinem täglichen Leben und Wandel diese vollständige Selbstaufopferung auf eine Gott wohlgefällige Weise bezeugen kann.

Da weist ihn Gott auf das Vorbild Jesu. Als er sich selbst als Opfer für uns gab, da ward er Gott ein süßer Geruch. Jedem Christen, der sich seinem Gott ganz und unbedingt zur Verfügung stellt, hat Gott dieselbe Ehre bestimmt, die er seinem Sohne gegeben hat, er gebraucht ihn als ein Werkzeug des Segens für andere. Darum sagt Johannes: „Wer seinen Bruder nicht liebet, den er siehet, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht?“ Die Selbstaufopferung, womit du dich dem Dienste Gottes geweiht hast, verpflichtet dich, auch deinen Mitmenschen zu dienen; wie du durch deine Übergabe ganz deinem Gott gehörst, so gehörst du auch ganz ihnen.

Eben diese Selbsthingabe an Gott gibt dir die Kraft zur Selbstaufopferung für andere und macht sie dir zur Freude. Wenn sich der Glaube die Verheißung aneignen kann: „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“, dann versteht man etwas von der herrlichen Beziehung zwischen dem Opfer, das Gott dargebracht wird, und dem Opfer für die Menschen. Der Umgang mit unseren Mitmenschen, über den so viele klagen als ein Hindernis an der ununterbrochenen Gemeinschaft mit Gott, wird im Gegenteil zur Gelegenheit, wie wir uns ihm unaufhörlich als Opfer darbringen können.

Ist das nicht ein seliger Beruf, zu wandeln in der Liebe, gleichwie Christus uns hat geliebt, und sich selbst dar gegeben für uns als Gabe und Opfer, Gott zu einem süßen Geruch? Hierdurch allein kann die Gemeinde ihre Bestimmung erfüllen und der Welt beweisen, dass sie dazu ausgesondert ist, Jesu Werk selbstaufopfernder Liebe fortzusetzen und zu erstatten, was noch mangelt an Trübsalen in Christus.

Aber erwartet Gott wirklich von uns, dass wir uns so völlig verleugnen für andere? Ist es nicht zu viel verlangt?

Kann man überhaupt sich ganz und gar auf opfern? Ja, mein Mitchrist, Gott erwartet dies von dir. Du bist von Ewigkeit her dazu erwählt, daß du in das Bild seines Sohnes umgestaltet werdest, und dies ist der Weg dazu, dies ist der Pfad, auf dem Jesus zur Herrlichkeit und Seligkeit einging, und es gibt keinen anderen, auf dem der Jünger zur Freude seines Herrn eingehen könnte. Es ist in der Tat unser Beruf, Jesus ganz ähnlich zu werden in seiner Liebe und Selbstaufopferung. „Wandelt in der Liebe, gleichwie Christus uns hat geliebt.“

Vieles ist gewonnen, wenn ein Gläubiger dies einsieht und erkennt. Dass das Volk Gottes, dass sogar seine Knechte es noch so wenig verstehen, das ist eine große Ursache der Ohnmacht der Gemeinde. Hierin tut ihr wahrlich eine zweite Reformation not. Zur Zeit der großen Reformation vor drei Jahrhunderten wurde die Kraft des versöhnenden Todes Jesu und seiner Gerechtigkeit ans Licht gebracht, zu großem Trost und zur Freude geängstigter Seelen. Aber wir bedürfen einer zweiten Reformation, damit das Panier des Vorbildes Jesu, als Lebensregel für uns, zur Geltung gebracht werde, damit die Kraft der Auferstehung Jesu Christi, die uns des Lebens Jesu teilhaftig und seinem Ebenbilde ähnlich machen kann, wieder als Wahrheit auf den Leuchter gestellt werde. Es ist nicht genug, dass wir Christen bloß an die völlige Verbindung mit unserem Bürgen, zu unserer Versöhnung glauben, sondern wir müssen auch glauben, dass er als unser Haupt unser Vorbild und unser Leben ist. Wir sollen in der Tat der Welt Jesus darstellen, damit man an den Gliedern sehe, wie das Haupt lebte, als er auf Erden war. Wir wollen doch ernstlich darum bitten, dass Gottes Kinder überall diesen ihren heiligen Beruf anerkennen und lernen mögen.

Und ihr alle, die ihr euch bereits danach sehnt, fürchtet euch nicht, euch selbst Gott zu übergeben, in der großen Tat Jesus-ähnlicher Selbstaufopferung! Bei eurer Bekehrung habt ihr euch bereits Gott hingegeben; und seither habt ihr wohl in manchem einzelnen Fall euch ihm zur Verfügung gestellt. Aber die Erfahrung hat euch gelehrt, wie viel dabei noch fehlt. Vielleicht ist es euch noch nie ganz klar geworden, wie vollständig diese Selbstaufopferung sein soll und kann. Kommt und schaut nun an Jesus, euer Vorbild, sehet an die Aufopferung seiner selbst am Kreuze, was euer Vater von euch erwartet. Kommt und sehet nun an Jesus — denn er ist euer Haupt und euer Leben —, was er an euch und durch euch zustande bringen will. Glaubet, dass er, was er als euer Vorbild auf Erden durch sein Leben und seinen Tod vollbrachte, auch nun vom Himmel aus in euch vollbringen will. Gebet euch selbst dem Vater in Christo hin, mit dem Verlangen, dass auch ihr, ebenso völlig wie er, Gott eine Gabe und Opfer sein möget. Erwartet, dass Jesus dies in euch bewirke und bekräftige. Lasset euer Verhältnis zu Gott ein klares und bestimmtes sein; ihr seid, wie Jesus, ihm ganz und völlig hingegeben. Es wird euch dann nicht mehr unmöglich sein, in der Liebe zu wandeln, wie Christus uns geliebt hat. All euer Umgang, sowohl mit den Brüdern, als mit der Welt, wird euch dann zur herrlichen Gelegenheit werden, Gott zu beweisen, wie vollständig ihr euch ihm übergeben habt, als Gabe und Opfer zum süßen Geruch.

O mein Gott, wer bin ich, dass du mich erwählt hast, damit ich dem Ebenbilde deines Sohnes in seiner selbstaufopfernden Liebe sollte gleich gestaltet werden? Seine göttliche Vollkommenheit und Herrlichkeit besteht darin, dass er sein eigenes Leben nicht geliebt, sondern es dir freiwillig für uns in den Tod gegeben hat. Und hierin darf ich ihm ähnlich werden; durch einen Wandel in der Liebe darf ich es beweisen, dass auch ich mich völlig dir geopfert habe.

O mein Vater, dieser dein Wille ist auch der meinige: in diesem feierlichen Augenblick bestätige ich aufs Neue meine Hingabe an dich, nicht in meiner eigenen Kraft, sondern in der Kraft dessen, der sich selbst für mich dar gegeben hat. Weil Jesus mein Vorbild, auch mein Leben ist, deshalb wage ich zu sagen: Vater in Christus, wie Christus bringe ich mich selbst dir als Opfer dar.

Vater, lehre mich, wie du mich gebrauchen willst, um der Welt deine Liebe zu offenbaren. Du wirst es tun, indem du mich ganz erfüllst mit deiner Liebe. O Vater, tue es, damit ich wandeln möge in der Liebe, gleichwie Christus uns geliebt hat. Durch die Kraft deines Heiligen Geistes mache mich fähig, jedermann, mit dem ich in Berührung komme, zu lieben, unter allen Umständen zu lieben, mit einer Liebe, die nicht aus mir selbst, sondern aus dir fließt.

Beachte:  Eine Hingabe an den Herrn ohne gleichzeitige Hingabe an unseren Nächsten wird zur Selbsttäuschung oder führt zum Fanatismus. Es ist eben diese Hin-gäbe an die Welt, um ihr Licht und Salz zu sein, um sie zu lieben, auch wenn sie uns hasst, worin für alle wahrhaft Gott geweihten Seelen der eigentliche Kampf des Lebens besteht. Mitten in der Arbeit unsere Ruhe, im Kampf gegen die Sünde um uns her durch die Kraft Jesu unsere größte Freude zu finden — uns des Glückes anderer mehr zu freuen als unseres eigenen, nichts für uns selbst, aber alles für andere zu suchen —, dies, dies ist unser hoher und heiliger Beruf.“

Der Herr helfe uns, nicht nur solche Gedanken zu bewundern, sondern uns sogleich dem kleinen Häuflein seiner Kinder anzuschließen, die wirklich alles darangeben, und es zur Arbeit ihres Lebens machen, Seelen für Jesus zu gewinnen.