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In seiner Demut

Durch Demut achtet euch untereinander einer den anderen höher als sich selbst... Ein jeglicher sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war, welcher, ob er wohl in göttlicher Gestalt war... sich selbst entäußerte, Knechtsgestalt annahm, und ward gleich wie ein anderer Mensch, und an Gebärden als ein Mensch erfunden. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuz.  (Phil. 2, 3—8)

In diesem wunderbaren Kapitel finden wir eine Zusammenstellung all der köstlichen Wahrheiten, die uns an der Person des Sohnes Gottes entgegentreten. Zuerst sehen wir seine anbetungswürdige Gottheit: „In göttlicher Gestalt“, „Gott gleich“. Dann kommt das Geheimnis seiner Menschwerdung in jenem Wort voll tiefer, unerschöpflicher Bedeutung: „Er entäußerte sich selbst.“ Hierauf folgt die Versöhnung durch die Erniedrigung, den Gehorsam, das Leiden und den Tod. „Er ward gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuz.“ Und dies alles wird dann gekrönt durch seine Verherrlichung: „Gott hat ihn erhöht.“ Jesu Gottheit, Jesu Menschwerdung, Jesu Erniedrigung, wodurch er unsere Erlösung zustande brachte, und Jesu Erhöhung — solche Schätze der Weisheit sind in dieser Stelle enthalten.

Viele Bücher sind geschrieben worden über die verschiedenen Meinungen in betreff einzelner Worte aus diesem ganzen Abschnitt; aber nicht immer ist die Aufmerksamkeit genügend auf die Verbindung gerichtet worden, in der der Heilige Geist uns diese Lehre erteilt. Es wird darin nicht in erster Linie das Zeugnis der Wahrheit gegenüber dem Irrtum noch auch eine Glaubensbestärkung betont; nein, der Apostel hat eine ganz andere Absicht damit. Unter den Philippern herrschte noch Stolz und Mangel an Liebe; und dieser Abschnitt der Heiligen Schrift wurde zunächst deshalb eingegeben, um ihnen das Vorbild Jesu vor Augen zu stellen und sie zu lehren, sich zu erniedrigen wie er. „Durch Demut achtet euch untereinander einer den anderen höher als sich selbst, und seid gesinnt, wie Jesus Christus auch war.“ Wer diesen Teil des Wortes Gottes noch nicht betrachtet hat mit dem Verlangen, so demütig zu werden wie Jesus, der hat noch nie den richtigen Gebrauch davon gemacht. Der vom Throne Gottes herabsteigende und als Mensch durch die Erniedrigung des Kreuzes wieder dorthin zurückkehrende Jesus offenbart uns den alleinigen Weg, auf dem wir zu seinem Throne gelangen können. Der Glaube ist allein der echte, der Jesus nicht nur als Versöhnung, sondern auch als Vorbild ergreift. Eine jede Seele, die ihm wahrhaftig angehören möchte, muss seinen Geist, seine Gesinnung haben und sein Bild an sich tragen.

„Seid gesinnt, wie Jesus Christus auch war, welcher, ob er wohl in göttlicher Gestalt war, sich entäußerte und erniedrigte.“ Wir müssen Jesu in seiner Selbstentäußerung und Selbsterniedrigung ähnlich werden. Die erste große Tat der Entsagung, da er als Gott sich selbst seiner göttlichen Herrlichkeit und Macht entäußerte und sie ablegte, ging der zweiten, nicht weniger wunderbaren, voran, da er sich als Mensch bis zum Tode am Kreuze erniedrigte.

Und mit der größten Einfachheit, als verstünde es sich von selbst, sagt uns die Heilige Schrift: wir müssen in dieser zweifachen, unfassbaren Erniedrigung, worüber das ganze Weltall staunt, und woran der Vater seine Wonne hat, Jesu ähnlich werden.

Erwartet Paulus, ja erwartet Gott dies wirklich von uns? Warum nicht? Ja vielmehr, wie könnte etwas anderes von uns erwartet werden? Paulus kennt die furchtbare Macht des Stolzes und des alten Adam in unserer Natur. Aber er weiß auch, dass Jesus uns nicht bloß vom Fluch, sondern auch von der Macht der Sünde erlöst hat, und dass er uns sein Auferstehungsleben mitteilt, damit wir auf Erden wandeln können nach seinem Bilde. Er sagt uns, dass Jesus nicht nur unser Bürge, sondern auch unser Vorbild ist, so dass wir nicht nur durch ihn, sondern auch gleich ihm leben können; ferner sagt er uns, dass Jesus nicht allein unser Vorbild, sondern auch unser Haupt ist, der in uns das Leben fortsetzt, das er einst auf Erden führte. Da wir einen solchen Heiland, einen solchen Erlösungsplan haben, kann es denn anders sein, als dass der Nachfolger Jesu gesinnt sei, wie Jesus war, dass er hauptsächlich in der Demut ihm ähnlich sein muss?

Das Beispiel Jesu lehrt uns, dass nicht die Sünde uns demütigen muss. Viele Christen haben zwar diese Ansicht; sie meinen, tägliches Sündigen sei notwendig, um uns demütig zu erhalten. Dem ist aber nicht so. Wohl gibt es eine Demut, die, als der Anfang eines neuen Lebens, sehr wertvoll ist und die in der Erkenntnis der Sünden und Mängel besteht.

 Aber es gibt noch eine himmlischere, Jesus-ähnliche Demut, die, wenn wir durch Gnade vor dem Sündigen bewahrt werden, uns in der Selbsterniedrigung erhält, dass wir nur staunen können, dass Gott uns segnet, und uns freuen, gar nichts zu sein vor ihm, dem wir alles verdanken. Gnade brauchen wir, nicht Sünde, um uns demütig zu machen und zu erhalten.

 Die mit Früchten am schwersten behangenen Zweige beugen sich am tiefsten. Je größer der Wasserstrom, desto tiefer ist sein Bett. Je näher eine Seele ihren Gott kennt, desto mehr fühlt sie vor seiner majestätischen Gegenwart, wie klein sie ist.

Hierdurch allein wird es uns möglich, andere höher zu achten als uns selbst. Jesus Christus, der Heilige Gottes, ist uns das Vorbild der Demut; eben als er wusste, dass der Vater alles in seine Hände gegeben hatte, dass er von Gott gekommen war und zu Gott ging, da wusch er seinen Jüngern die Füße. Durch das Bewusstsein der Gegenwart Gottes, durch das in uns vorhandene göttliche Leben und durch die göttliche Liebe werden wir demütig gemacht.

Manchen Christen scheint es ganz unmöglich, je sagen zu können: „Ich will nicht mehr an mich selbst denken; ich will andere höher achten als mich selbst.“ Sie bitten wohl um Gnade, die schlimmsten Ausbrüche des Stolzes und des eitlen Ehrgeizes zu überwinden; aber eine gänzliche Selbstentsagung, wie Jesus sie ausübte, scheint ihnen viel zu hoch und zu schwer. O dass sie doch die tiefe Wahrheit und die Seligkeit des Wortes verstünden: „Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“, „wer sein Leben verliert, der wird es finden“, dann würden sie sich nicht eher zufrieden geben, bis sie auch in diesem Stück ihrem Herrn ganz ähnlich gemacht wären. Sie würden dann entdecken, auf welche Weise das eigene Ich und die Selbstüberhebung überwunden werden können: indem sie nämlich das alte Wesen an Jesu Kreuz angenagelt sehen und es durch den Geist beständig dort gekreuzigt halten (Gal. 5, 24; Röm. 8,13). Nur derjenige kann zu solcher Demut heranwachsen, der sich von Herzen darein ergibt, in der Gemeinschaft des Todes Jesu zu leben.

Um dieses zu erreichen, sind zwei Stücke erforderlich: vor allem der feste Entschluss, hinfort für uns selbst nichts sein und nichts suchen zu wollen, sondern nur Gott und dem Nächsten zu leben. Ferner ist der Glaube notwendig, der die Kraft des Todes Jesu sich aneignet, denn dadurch sterben auch wir der Sünde und werden erlöst von ihrer Macht. Die Gemeinschaft des Todes Christi bringt den Zustand zum Abschluss, in dem uns die Sünde zu mächtig ist; sie ist der Anfang eines Lebens in uns, in dem Jesus der Sünde zu mächtig ist.

Nur durch die Unterweisung und das kräftige Wirken des Heiligen Geistes können wir diese Wahrheit erkennen, annehmen und festhalten. Aber, Gott sei Dank, wir haben den heiligen Geist. Wir wollen uns doch völlig seiner Leitung überlassen; er wird uns führen, es ist dies ja seine Aufgabe, und er wird Jesus in uns verklären. Er wird uns lehren, zu verstehen, dass wir der Sünde und dem eigenen Ich gestorben sind, und dass das Leben und die Demut Jesu uns nun angehört.

Auf diese Weise können wir uns die Demut Jesu aneignen. Der Vorgang selbst kann in einem Augenblick stattfinden; aber die Erfahrung wächst nur allmählich. Unsere Gedanken und Gefühle, ja unser Wandel und unsere Gewohnheiten sind so lange unter dem Regiment des alten Ich gestanden, dass es Zeit braucht, bis das himmlische Licht der Demut Christi sie ganz erfüllt, durchdringt und verklärt. Das Gewissen ist anfangs noch nicht vollkommen erleuchtet, die geistliche Empfindung und die Unterscheidungsgaben sind noch nicht geübt worden. Aber sooft es in gläubigem Vertrauen aus der Tiefe der Seele klingt: „Ich gebe mich hin, um mit der Demut Jesu bekleidet zu werden“, so wird eine Kraft von ihm ausgehen und unser ganzes Wesen erfüllen, bis die Heiligung des Geistes in den Gesichtszügen, der Stimme und den Bewegungen bemerklich wird und wir in der Tat in Demut eingehüllt sind.

Die Seligkeit Jesus-ähnlicher Demut ist unaussprechlich; sie ist in den Augen Gottes von großem Wert: „Dem Demütigen gibt er Gnade.“ Sie ist die Quelle der Ruhe und Freude im geistlichen Leben. Alles was Gott tut, ist dem Demütigen recht; die Demut ist stets bereit, den Herrn auch für die kleinste Freundlichkeit zu preisen; es wird ihr nicht schwer, sich ihm anzuvertrauen, sie unterwirft sich unbedingt allem, was Gott sagt. Die beiden, die Jesus um ihres starken Glaubens willen lobt, sind gerade diejenigen, die am geringsten von sich selbst dachten. Der Hauptmann hatte gesagt: „Ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach kommst“, und das phönizische Weib ließ sich ruhig zu den Hunden zählen. Im Umgang mit anderen Menschen ist die Demut das Geheimnis des Segens und der Liebe. Der Demütige wird nicht beleidigt, und zugleich hütet er sich sehr davor, anderen wehe zu tun. Er ist stets bereit, seinem Nächsten zu dienen, weil er von Jesu gelernt hat, wie schön es ist, ein Diener zu sein. Er findet Gnade bei Gott und den Menschen.

Welch ein herrlicher Beruf für die Nachfolger Christi: von Gott in die Welt gesandt zu werden, um es ihr zu zeigen, dass Selbsterniedrigung etwas Göttliches ist! Der Demütige verherrlicht Gott, er veranlasst andere, ihn zu verherrlichen, und schließlich wird er mit ihm verherrlicht werden. Wer möchte nicht demütig werden wie Jesus?

Du, der du vom Himmel kamst und dich erniedrigtest, bis zum Tode am Kreuz, du willst, dass deine Demut meine Richtschnur werde. Herr, lasse mich erkennen, wie unbedingt notwendig dies ist. Ein stolzer Nachfolger des demütigen Jesu, das kann, das darf ich nicht sein. Im tiefsten Grunde meines Herzens, in der Verborgenheit meines Kämmerleins, in meinem Hause, in Gegenwart von Freunden oder Feinden, im Glück oder in Trübsal möchte ich von Demut erfüllt sein.

Mein geliebter Herr! Ich bin mir bewusst, dass ich eines tieferen Einblicks in deine Kreuzigung und meinen Anteil daran bedarf. Offenbare es mir, dass mein altes, stolzes Ich mit dir gekreuzigt ist. Zeige mir in dem Lichte deines Geistes, dass ich, dein wiedergeborenes Kind, der Sünde und ihrer Macht gestorben bin, und dass die Sünde keine Gewalt über mich hat, wenn ich in Gemeinschaft mit dir bleibe. Herr Jesu, der du die Sünde überwunden hast, stärke mir den Glauben, dass du mein Leben bist, und dass du mich mit deiner Demut erfüllen willst, wenn ich mich dir und deinem heiligen Geiste dazu hingebe.

Herr, auf dich hoffe ich. Im Glauben an dich will ich hinausgehen in die Welt, um zu zeigen, dass derselbe Sinn, der in dir war, auch deine Kinder beseelt und uns lehrt, durch Demut andere höher zu achten als uns selbst. Herr, hilf mir dazu.