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Als der da dienet

So nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt ihr auch euch untereinander die Füße waschen. (Joh. 13, 14)

Ich bin unter euch wie ein Diener. (Luk. 22, 27)

Im letzten Abschnitt überlegten wir, welches Recht der Herr habe, von seinen Erlösten zu verlangen und zu erwarten, dass sie seinem Beispiel nachfolgen. Heute wollen wir das besonders ins Auge fassen, worin wir ihm nachfolgen sollen.

„Ihr sollt euch auch untereinander die Füße waschen, euch untereinander dienen“; dies ist das Wort, dessen volle Bedeutung wir verstehen möchten. Die Knechtsgestalt, die Jesus annahm, die Reinigung, die der Zweck seines Dienstes war, und die ihn dazu antreibende Kraft der Liebe, das sind die drei Hauptgedanken, auf die wir näher eingehen wollen.

Zuerst betrachten wir also die Knechtsgestalt Jesu. Alles war für die letzte Abend-Mahlzeit bereit, sogar das Wasser, womit nach damaliger Sitte den Gästen die Füße gewaschen werden sollten; nur der Sklave, der diese Arbeit verrichten sollte, fehlte. Ein jeder wartet auf den anderen; keiner der Zwölfe denkt daran, sich selbst zu erniedrigen, um diesen Dienst zu tun. Bei Tisch hatten sie sich ja auch noch mit dem Gedanken beschäftigt, wer von ihnen wohl in dem erwarteten Königreich der größte sein würde (Luk. 22, 26-27). Plötzlich steht Jesus auf (sie hatten sich schon zu Tisch gesetzt), legt seine Kleider ab, bindet sich ein Tuch um und fängt an, ihnen die Füße zu waschen. Ein  Schauspiel, das die Engel mit anbetungsvollem Staunen betrachtet haben werden! Jesus, der König des Weltalls, durch den alles erschaffen worden ist, auf dessen Wink Legionen von Engeln zu Willen stehen, er, der mit einem Wort der Liebe hätte sagen können, welcher unter den Zwölfen diesen Dienst leisten solle, er nimmt die Stellung des Sklaven selbst ein; mit seinen heiligen Händen berührt er die staubigen Füße und wäscht sie. Dies tut er im vollen Bewusstsein seiner göttlichen Herrlichkeit, denn Johannes sagt: „Jesus wusste, dass ihm der Vater hatte alles in seine Hände gegeben und dass er von Gott gekommen war und zu Gott ging.“ Nichts ist den Händen gemein oder unrein, denen Gott alles übergeben hat. Niemand wird je durch die Unscheinbarkeit seiner Arbeit erniedrigt; im Gegenteil, durch denjenigen, der sie verrichtet, kann die Arbeit, sei es auch der geringste Dienst, erhoben werden. In solcher tiefen Demütigung, wie wir Menschen es nennen, sieht unser Herr göttliche Herrlichkeit. Gerade weil er der Geliebte des Vaters ist, in dessen Hände alles übergeben worden ist, wird es ihm nicht schwer, sich so tief her abzubücken. Indem Jesus also die Knechtsgestalt annimmt, zeigt er an, nach welchem Gesetz in seiner Kirche der Rang bestimmt werden soll. Je höher einer in der Gnade zu stehen begehrt, desto mehr muss es seine Freude werden, aller Knecht zu werden. „Wer da will der vornehmste sein, der sei euer Knecht“ (Matt. 20, 27); „Der größte unter euch soll euer Diener sein“ (Matt. 23,11).

Ein Diener muss immer die Arbeit und das Interesse seines Herrn im Auge haben, und es muss ihm daran liegen, dass der Meister es sieht, wie er nur danach trachtet, was ihm wohlgefällig und nützlich ist. Dies tat Jesus: „Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zur Bezahlung für viele“ (Mark. 10, 45). „Ich bin unter euch wie ein Diener.“ — Also muss auch ich leben und mich unter Gottes Kindern bewegen als aller Diener. Wenn ich wünsche, anderen zum Segen zu sein, so kann dies nur geschehen durch die demütige, liebevolle Bereitwilligkeit, ihnen zu dienen, ohne mich um meine eigene Ehre oder Bequemlichkeit zu kümmern. Ich muss dem Beispiel Jesu folgen, indem ich seiner Jünger Füße wasche. Ein Diener betrachtet es nicht als eine Erniedrigung, er schämt sich nicht, als ein Untergebener angesehen zu werden; anderen zu dienen, ist seine Aufgabe, sein Beruf. Der Grund, warum wir so oft anderen kein Segen sind, liegt darin, dass wir uns als ihnen an Gnade oder Gaben überlegen oder doch wenigstens gleichgestellt betrachten. Wenn wir es zuerst von unserem Herrn lernten, mit anderen in dem seligen Dienersinn zu verkehren, welch ein Segen würden wir für unsere Umgebung werden! Würde diesem Beispiel des Herrn einmal in seiner Gemeinde der Platz eingeräumt, der ihm gebührt, so würde sich die Kraft seiner Gegenwart bald fühlbar machen.

Worin besteht aber die Arbeit, die der Jünger in dem Geist demütigen Dienens zu verrichten hat? Die Fußwaschung weist uns auf zweierlei hin: einmal auf die Reinigung und Erquickung des Leibes und dann auf die Reinigung und Erlösung der Seele. Solange unser Herr auf Erden lebte, waren diese beiden Stücke immer beisammen! „Die Kranken wurden geheilt, und den Armen wurde das Evangelium gepredigt.“ Bei dem Gichtbrüchigen und bei vielen anderen war die Heilung des Leibes ein Vorbild und eine Verheißung des Lebens für den Geist.

Der Jünger Jesu darf dies nicht außer acht lassen, wenn ihm der Befehl erteilt wird: „Ihr sollt auch euch untereinander die Füße waschen.“ Indem er nicht vergisst, dass das äußere, leibliche Leben die Türe ist zu dem inneren Verkehr des Geistes, steht ihm zwar stets die Erlösung der Seele als Hauptzweck seiner dienenden Liebe vor Augen; aber er wird sich den Weg zu den Herzen durch bereitwilligen Liebesdienst in den kleinen, unscheinbaren Dingen des täglichen Lebens zu bahnen suchen. Nicht dadurch, dass er Fehler aufdeckt und tadelt, kann er sich als Diener beweisen; nein, durch die Freundlichkeit und Leutseligkeit, womit er im täglichen Leben es zeigt, dass er stets zum Helfen und Dienen bereit ist, dadurch wird er ein lebendiges Zeugnis davon, was es heißt, ein Nachfolger Jesu zu sein. Ein Wort aus dem Munde eines solchen ist eine Macht und findet leichten Eingang. Wenn er mit der Sünde, der Verkehrtheit und dem Widerspruchsgeist der Menschen in Berührung kommt, so wird er, anstatt entmutigt zu werden, ausharren in der Liebe, denn er denkt daran, mit wie viel Geduld Jesus ihn getragen hat und ihn noch täglich reinigt. Er ist sich dessen bewusst, ein von Gott dazu berufener Knecht zu sein, in die tiefste Tiefe hinabzusteigen, um den Menschen zu dienen und sie retten zu helfen, ja sogar, wenn es nötig wäre, sich unter ihre Füße zu legen.

Die Kunst, ein solches Leben liebenden Dienstes zu führen, können wir nur von Jesu lernen. Johannes schreibt: „Wie er hatte geliebt die Seinen, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende“ (Joh. 13, 1). Der Liebe ist nichts zu schwer, die Liebe spricht niemals von einem Opfer, das sie zu bringen hätte. Gerne gibt sie alles daran, um dem Geliebten wohl zu tun, sei er auch noch so unwürdig. Die Liebe hat Jesus zum Diener gemacht; und nur durch die Liebe wird uns die Stellung und die Arbeit eines Dieners so köstlich, dass wir darin beharren können, koste es, was es wolle. Wir werden vielleicht, wie Jesus etwa, einmal auch einem Judas die Füße waschen müssen, der uns mit Undank und Verrat lohnen wird. Wahrscheinlich werden wir auch manchem Petrus begegnen, der zuerst unseren Dienst mit einem: „Niemals meine Füße“ abweisen, später aber darüber unzufrieden sein wird, wenn wir auf sein ungeduldiges: „Nicht allein die Füße, sondern auch die Hände und das Haupt“ nicht eingehen. Nur Liebe, himmlische, unauslöschliche Liebe bewirkt die Geduld, den Mut und die Weisheit für diesen großen Dienst, den uns der Herr durch sein heiliges Beispiel zugewiesen hat, indem er sprach: „Ihr sollt auch euch untereinander die Füße waschen.“

0 meine Seele, deine Liebe reicht hierzu nicht aus, darum horche auf ihn, der da sagt: „Bleibe in meiner Liebe.“ Das eine Verlangen deiner Seele muss dahin gehen, dass Jesus dir zeigen möge, wie sehr er dich liebt, und dass er selbst dich in seiner Liebe bleibend erhalte. Als ein vom Herrn Geliebter, lebe täglich in dem erfahrungsgemäßen Bewusstsein, dass seine Liebe dich wäscht und reinigt, dich beständig trägt und segnet. Diese seine sich in dich ergießende Liebe wird dann auch aus dir auf andere fließen, und es wird deine größte Freude werden, seinem Beispiel nachzufolgen und deiner Brüder Füße zu waschen. Klage nicht so viel über den Mangel an Liebe und Demut in anderen, sondern bete desto mehr, dass der Herr sein Volk recht aufwecke, so treulich seinen Fußstapfen nachzufolgen, dass auch die Welt erkennen möge, dass sie ihn zu ihrem Beispiel genommen haben. Wenn dies dir nicht, sobald du es wünschest, bei deiner Umgebung in die Augen tritt, so lass dich dadurch nur um so brünstiger zum Gebet antreiben, dass der Herr doch wenigstens in dir einen Jünger finden möge, der da versteht und es beweist, dass wie Jesus zu lieben und zu dienen nicht allein seine höchste Freude und Seligkeit ist, sondern auch das Mittel, wodurch er anderen zur Freude und zum Segen wird.

O mein Herr, ich gebe mich dir hin zu diesem seligen Leben des Dienens. An dir habe ich es gesehen, dass der Geist eines Dieners ein königlicher Geist ist, der vom Himmel herabgekommen ist und wiederum zum Himmel emporhebt.

Du ewige Liebe, wohne in mir, auf dass mein Leben sei wie das deine, und ich auch, wie du, sprechen könne: „Ich bin unter euch wie ein Diener.“

Du verherrlichter Sohn Gottes, du weißt, wie dein Geist noch so wenig in uns Wohnung gemacht hat, wie dies Leben eines Dieners allem, was die Welt als ehrbar und wünschenswert hält, entgegengesetzt ist. Aber du bist gekommen, um uns zu lehren, was Recht ist vor deinen Augen, um uns zu zeigen, wie es im Himmel als eine Ehre angesehen wird, der Geringste zu sein und zu dienen. Du, der du uns nicht nur neue Gedanken gibst, sondern auch neue Gefühle in uns pflanzest, gib mir ein Herz, das dem deinigen ähnlich ist, ein Herz, voll des Heiligen Geistes, ein Herz, das lieben kann, wie du liebst. Herr, du hast uns deinen heiligen Geist verheißen; deine Fülle ist mein Erbteil; in der Freude des Heiligen Geistes kann ich leben, wie du lebtest. Ich gebe mich hin zu einem Leben des Dienstes, wie das deinige es war. Möge derselbe Sinn in mir sein, der in dir war, da du dich entäußertest, Knechtsgestalt annahmst und dich so weit erniedrigtest, dass du als ein Mensch erfunden wurdest. Ja Herr, durch deine Gnade lasse mich also gesinnt sein, wie du gesinnt warst.