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Er ist unser Haupt

Denn dazu seid ihr berufen, sintemal auch Christus gelitten hat für uns und ein Vorbild gelassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen ... welcher unsere Sünden selbst geopfert hat an seinem Leibe auf dem Holz, auf dass wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. (1.Petri 2, 21. 24)

Unser Beruf, dem Beispiele Jesu nachzufolgen und in seinen Fußstapfen zu wandeln, ist ein so hoher, dass wir alle Ursache haben, voll Verwunderung auszurufen: „Wie kann von sündigen Menschen erwartet werden, dass sie wandeln sollten wie der Sohn Gottes?“ Die Antwort, die wohl am häufigsten hierauf gegeben wird, geht dahin, dass dies eigentlich nicht von uns verlangt werden kann, dass der Befehl uns ein schönes, aber unerreichbares Ideal vor die Augen stellt.

Die Antwort der Heiligen Schrift ist aber eine ganz andere. Sie weist uns hin auf das wunderbare Verhältnis, in dem wir zu Jesus stehen. Weil durch unsere Verbindung mit ihm sein himmlisches Leben seine ganze Wirksamkeit in uns entfaltet, deshalb kann in vollem Ernst an uns die Anforderung gestellt werden, zu wandeln, wie Jesus wandelte. Es ist für einen jeden, dem es in der Tat ernst damit ist, dem Vorbild Jesu nachzufolgen, unumgänglich nötig, dass er sich dieses Verhältnisses zu Christo bewusst werde.

Und worin besteht denn dieses Verhältnis? Petrus spricht in der oben angeführten Stelle von den verschiedenen Beziehungen, die Jesus uns gegenüber einnimmt. Er ist unser Stellvertreter, unser Vorbild und unser Haupt.

Jesus ist unser Stellvertreter. „Christus hat gelitten für uns „welcher unsere Sünden selbst geopfert hat an seinem Leib auf dem Holz“. Als Stellvertreter litt und starb Jesus an unserer Statt. Er trug unsere Sünden und nahm dadurch sowohl ihren Fluch als ihre Macht hinweg. Als Stellvertreter tat er, was wir nicht tun konnten, was wir auch jetzt nicht zu tun brauchen.

Jesus ist auch unser Vorbild. Einerseits ist sein Werk ein ganz einzigartiges, andererseits aber sollen wir ihm darin nachfolgen; wir sollen leben, wie er lebte, und leiden gleich ihm. „Christus hat gelitten für uns und uns ein Vorbild gelassen, dass wir sollen nachfolgen seinen Fußstapfen.“ Durch sein stellvertretendes Leiden werde ich berufen, nach seinem Vorbild zu leiden. Aber ist dies möglich? Bei seinem stellvertretenden Leiden hatte er die Kraft seiner göttlichen Natur; wie kann von mir, in der Schwachheit meines Fleisches, erwartet werden, dass ich leide wie er? Ist nicht eine unübersteigbare Kluft zwischen diesem stellvertretenden und diesem vorbildlichen Leiden, die Petrus hier so eng miteinander verbindet?  Nein, wir müssen das Werk Christi noch von einer dritten Seite betrachten, die diese Kluft überbrückt und wodurch es uns in der Tat möglich wird, unseren Stellvertreter als Vorbild zu nehmen und wie er zu leben, zu leiden und zu sterben.

Jesus ist auch unser Haupt. Hierin muss ich die Verbindung suchen zwischen Jesu Stellvertretung und Jesu Vorbild. Jesus ist der zweite Adam. Wenn ich an ihn glaube, so bin ich durch den Geist mit ihm verbunden. Durch diese Verbindung lebt er in mir und teilt mir die Kraft seines vollendeten Werkes mit, die Kraft seiner Leiden, seines Todes und seiner Auferstehung. Darum werden wir im sechsten Kapitel des Römerbriefs und an anderen Stellen belehrt, dass der Christ der Sünde gestorben ist und Gott lebt. Es ist in der Tat das Leben Jesu, das in dem Gläubigen wirkt — das durch den Tod gegangene Leben, und die Kraft dieses Todes, so dass von ihm gesagt werden kann, er sei mit Christus gestorben und auferstanden. Diesen Gedanken will Petrus ausdrücken, indem er sagt: „Welcher unsere Sünden selbst geopfert hat an seinem Leibe auf dem Holz“, nicht  nur. damit wir durch seinen Tod Vergebung der Sünden empfangen möchten, sondern „auf dass wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben“. Wie wir an dem geistlichen Tod des ersten Adams teilhaben und in ihm wirklich gestorben sind, also haben wir auch teil an dem zweiten Adam, in dem wir der Sünde gestorben sind und nun Gott leben. Jesus ist nicht nur unser Stellvertreter, der für uns lebte und starb, nicht nur unser Vorbild, dem wir im Leben und Sterben nachfolgen sollen, sondern auch unser Haupt, mit dem wir eins sind, in dessen Tode wir gestorben sind, durch dessen Leben wir leben. Hierdurch erlangen wir die Kraft, unseren Stellvertreter als unser Vorbild zu nehmen: das Band, das den Glauben an den Stellvertreter und die Nachfolge seines Vorbilds unauflöslich verbindet, ist eben die Tatsache, dass Jesus auch unser Haupt ist.

Diese drei Wahrheiten hängen aufs Genaueste zusammen und können nicht getrennt werden. Und doch wird gerade dies so oft versucht. Es gibt Leute, die dem Vorbild Jesu nachzufolgen trachten, ohne an seine Versöhnung zu glauben. Sie suchen die Kraft, ein göttliches Leben zu führen, in sich selbst; ihre Anstrengungen bleiben natürlich fruchtlos. Wieder andere halten fest an der Stellvertretung Jesu, aber sie vernachlässigen sein Vorbild. Sie glauben an die Erlösung durch das Blut, auf Golgatha vergossen, aber sie wandeln nicht in den Fußstapfen dessen, der das Kreuz getragen hat. — Der Glaube an die Versöhnung ist ja wahrlich der Grund des ganzen Gebäudes, aber das allein ist nicht genügend. Auch ein solches Christentum ist mangelhaft; die Heiligung wird nicht ernstlich ins Auge gefasst, weil die Erkenntnis dessen fehlt, wie unumgänglich notwendig es ist, dass" wir bei dem Glauben an die Versöhnung durch Jesus seinem Beispiel nachwandeln.

Es gibt noch eine dritte Klasse von Christen, die die Wahrheit ergriffen haben, dass Jesus sowohl ihr Vorbild als ihre Rechtfertigung sei, und denen trotzdem noch etwas mangelt. Sie fühlen die Verpflichtung, Jesu Vorbild nachzufolgen, aber es fehlt ihnen die Kraft dazu; sie können nicht verstehen, wie es erreichbar sei, diesem Vorbild nachzuleben. Was sie bedürfen, ist der klare Blick dafür, dass Jesus unser Haupt ist. Weil mein Stellvertreter nicht ein mir fernstehender ist, sondern ein solcher, indem ich bin und der in mir ist, darum kann ich ihm ähnlich werden. Sein Leben durchdringt mich; er selbst lebt in mir, den er sich mit Blut erkauft hat. Seinen Fußstapfen nachzufolgen, ist meine Pflicht, weil es eine Möglichkeit ist: das natürliche Ergebnis der wunderbaren Zusammengehörigkeit zwischen dem Haupt und den Gliedern. Erst wenn dies recht verstanden wird, kann die wichtige Wahrheit, dass Jesus unser Vorbild ist, ihre richtige Stelle einnehmen. Wenn Jesus selbst durch seine Lebensgemeinschaft mit mir seine Ähnlichkeit in mir zustande bringen will, so wird meine Aufgabe ebenso einfach wie herrlich. Einerseits soll ich ihn als mein Vorbild anschauen, bis dieses mir klar wird und ich ihm nachfolgen kann; andererseits soll ich in ihm bleiben und mein Herz dem wunderbaren Schaffen seines Lebens in mir aufschließen. So gewiss er die Sünde und ihren Fluch für mich überwunden hat, ebenso gewiss wird er ihre Macht in mir überwinden. Was er durch seinen stellvertretenden Tod angefangen hat, das wird er durch sein in mir wohnendes 'Leben vollenden. Weil mein Stellvertreter auch mein Haupt ist, darum muss und wird auch sein Vorbild die Richtschnur meines Lebens werden.

Ein Ausspruch Augustins wird oft angeführt: „Herr, gib mir, was du mir befiehlst, und dann befiehl, was du willst.“ Dies passt auch hier. Wenn der Herr, der in mir wohnt, mir das gibt, was er von mir verlangt, so kann kein Anspruch zu hoch sein; dann habe ich den Mut, sein heiliges Beispiel in seiner ganzen Höhe und Weite zu betrachten und es anzunehmen. Von nun an ist es mir nicht bloß ein Befehl, der mir sagt, wie ich wandeln müsse, sondern eine Verheißung dessen, was aus mir werden soll. Nichts schwächt die Kraft des Vorbilds Jesu so sehr wie der Gedanke, dass wir ihm doch nicht wirklich ähnlich werden können. Horche nicht auf solche Einflüsterungen!  Die vollkommene Ähnlichkeit, die im Himmel zustande kommen wird, muss hier auf Erden anfangen, sie kann mit jedem Tag zunehmen und im Verlauf des Lebens immer sichtlicher werden. So unumstößlich und mächtig das Werk der Versöhnung ist, das Jesus, unser Haupt, ein für alle Mal vollendet hat, ebenso unzweifelhaft ist es, dass er die Er-neuerung in sein Ebenbild, an der er in uns arbeitet, auch zur Vollendung bringen wird. Dieser doppelte Segen muss uns das Kreuz Christi doppelt köstlich machen. Unser Haupt litt als unser Stellvertreter, damit er, in Verbindung mit uns, die Sünde für uns trüge. Unser Haupt litt als unser Vorbild, damit er uns den Pfad weisen könnte, auf dem er uns, in Verbindung mit ihm, zum Sieg und zur Herrlichkeit führen will. Der leidende Christus ist unser Haupt, unser Stellvertreter und unser Vorbild.

Was wir zu erfassen haben, ist also die wunderbare Wahrheit, dass wir eben in dem geheimnisvollen Pfad des Leidens, wodurch Jesus unsere Erlösung und Versöhnung erwirkt hat, seinen Fußstapfen nachwandeln sollen und dass die völlige Erfahrung dieser Erlösung von unserer persönlichen Gemeinschaft mit seinem Leiden abhängt. „Christus hat gelitten und uns ein Vorbild gelassen.“ Möge der Heilige Geist uns selbst die Bedeutung dieses Wortes offenbaren.

Mein teurer Heiland, wie kann ich dir dafür genug danken, dass du mein Stellvertreter geworden bist? Du hast meine, des schuldigen Sünders, Stelle eingenommen und hast meine Sünden an deinem Leibe auf dem Holz geopfert. Jenes Kreuz hatte ich verdient, aber du hast es auf dich genommen und bist mir gleich geworden, damit auf diese Weise das Kreuz in eine Stätte des Segens und des Lebens umgewandelt würde.

Nun rufst du mich zu diesem Kreuz, wodurch ich dir ähnlich gemacht werden und die Kraft finden kann, zu leiden und aufzuhören von der Sünde. Als mein Haupt warst du mein Erlöser, um mit mir zu leiden und zu sterben; als mein Haupt bist du auch mein Vorbild, auf dass ich leide und sterbe mit dir.

Mein Heiland, ich bekenne es dir, dass ich dies bisher zu wenig verstanden habe. Deine Stellvertretung war mir wichtiger als dein Vorbild. Ich freute mich sehr, dass du das Kreuz für mich getragen hast, aber darüber freute ich mich zu wenig, dass ich wie du und mit dir das Kreuz tragen könne. Die Versöhnung des Kreuzes war mir köstlicher als die Gemeinschaft des Kreuzes; der Glaube an die Erlösung köstlicher als die persönliche Gemeinschaft mit dir. Vergib mir dies, lieber Herr, und lehre mich, mein Glück darin zu finden, dass ich mit dir, meinem Haupte, vereinigt bin. Lasse, während ich darüber nachdenke, wie ich dir nachfolgen könne, meinen Glauben stärker und lebendiger werden; lasse es mich erkennen: Jesus ist mein Vorbild, weil er mein Leben ist. Ich muss und kann ihm ähnlich werden, weil ich eins bin mit ihm. Verleihe mir dies, o Herr, um deiner Liebe willen.

 

Anmerkung: „Alle Gläubigen wünschen einst bei Christo zu sein und zu seinem Volk zu gehören, aber wenige sind dazu bereit, dem Leben Christi nachzufolgen.“

Viele bilden sich ein, dass, um Jesu in der Tat ähnlich zu werden, ein geförderter Christenstand  notwendig sei, den nur wenige Auserwählte erreichen können. Sie meinen, es könne einer ein wahrer Christ sein, wenn er nur seine Schwachheit und Sündhaftigkeit bekennt und am Wort festhält, ohne eine wirkliche Umgestaltung in das Ebenbild Jesu zu erfahren; ja, sie halten es sogar für Stolz und Schwärmerei, wenn jemand es wagt, zu sagen, dass das Kennzeichen eines wahren Christen unumgänglich die Ähnlichkeit mit Jesu sein müsse. Und doch sagt der Herr zu allen, ohne Ausnahme: -Wer nicht sein Kreuz nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert“; absichtlich hebt er das Schwerste in seinem Leben hervor — das Kreuz, in dem alles andere inbegriffen ist. Petrus schreibt auch nicht nur an Einzelne, sondern an die ganze Gemeinde. „Christus hat uns ein Vorbild gelassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen.“ Es ist ein trauriges Zeichen unserer Zeit, dass diese klaren Befehle in unserer modernen Christenheit so verdunkelt worden sind, dass die meisten geistlichen Führer, wie die Gemeindeglieder, Stillschweigen, als ob mit allgemeiner Übereinstimmung, dahin gewirkt haben, diese Worte ihres Stachels zu berauben. Ein großer Teil dieses Tadels fällt auf eine falsche Glaubenslehre. Um die Gottheit unseres Heilandes gegen den Unglauben zu verteidigen, hat man seine göttliche Natur so ausschließlich betont und hervorgehoben, dass es unmöglich wurde, sich eine klare Vorstellung von seiner Menschlichkeit zu bilden. Es ist nicht genug, dass wir zugeben, Jesus sei ein wahrer Mensch gewesen; keiner kann sich einen richtigen Begriff von seiner Menschlichkeit machen, der sich beständig fürchtet, den wahren Christus zu verlieren, wenn er ihm nicht während seines ganzen Erdenlebens göttliche Macht und Allwissenheit zuschreibt. Denn in der Tat, wenn Jesu Leiden und sein Kreuz etwas so ganz Übernatürliches war, so müssen wir aufhören, von einer Nachfolge Jesu Christi im einfachen, buchstäblichen Sinne des Wortes zu reden. O, was für eine Kluft entsteht zwischen dem Leben Jesu und dem Leben der Christen, wenn ihre Beziehung zu ihm nur eine äußerliche ist!