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Eins mit dem Vater

Heiliger Vater, erhalte sie in deinem Namen, die du mir gegeben hast, dass sie eins seien gleichwie wir. Auf dass sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir; dass auch sie in uns eins seien, auf dass die Welt glaube, du habest mich gesandt. Und ich habe ihnen gegeben die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, dass sie eins seien, gleichwie wir eins sind. Ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen seien in eins, und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast, und liebest sie, gleichwie du mich liebst.(Joh. 17,11.21.22. 23)

Was für einen unaussprechlichen Schatz haben wir doch an diesem hohenpriesterlichen Gebet! Wir tun da einen Blick in das Herz Jesu hinein und sehen, was seine Liebe für uns wünscht. Der Himmel wird uns gleichsam eröffnet, und wir merken etwas davon, was Jesus als unser Fürsprecher beständig für uns vom Vater erbittet und empfängt.

In diesem Gebet wird der gegenseitigen Einigkeit der Gläubigen die größte Stelle eingeräumt. Da, wo Jesus derer gedenkt, die in Zukunft an ihn glauben würden, ist dies sein Hauptanliegen (V. 20—26). Dreimal wiederholt er die Bitte um ihre Einigkeit.

Der Herr sagt uns deutlich, warum ihm dies so sehr am Herzen liegt. Diese Einigkeit ist der einzig überzeugende Beweis der Welt gegenüber, dass der Vater ihn gesandt hat. Bei all ihrer Blindheit weiß die Welt doch wohl, dass der Fluch der Sünde die Selbstsucht ist. Es nützt wenig, wenn Gottes Kinder versichern, sie seien wiedergeboren und bekehrte Menschen, sie können auch in Jesu Namen Wunder tun und die Wahrheit der Heiligen Schrift beweisen. Erst dann, wenn die Welt eine Gemeinde sieht, aus der die Selbstsucht verbannt ist, wird sie die göttliche Sendung Jesu anerkennen, weil er ein solches Wunder zustande gebracht hat: eine Gemeinschaft von Menschen, die einander wahrhaftig und herzlich lieben.

Zu wiederholten Malen spricht der Herr von dieser Einigkeit als von dem Abglanz seines eignen Einsseins mit dem Vater. Er wusste, dass hierin die Vollkommenheit der Gottheit bestehe: dass der Vater und der Sohn, wiewohl zwei Personen, durch die lebendige Gemeinschaft des Heiligen Geistes dennoch völlig eins sind. Er kann sich auch nichts Höheres denken, als dass sein gläubiges Volk mit ihm und durch ihn miteinander eins seien, gleichwie er und der Vater eins sind.

Die Fürbitte des Herrn Jesu vermag viel; was er von dem Vater bittet, empfängt er. Aber siehe da, der erbetene Segen findet keinen Eingang im Herzen derer, die ihm die Türen nicht öffnen noch eine Stätte bereiten. Wie viele Gläubige gibt es doch, die nicht einmal wünschen eins zu sein, wie der Vater und der Sohn eins sind! Sie haben sich so sehr an das Leben der Selbstsucht und der unvollkommenen Liebe gewöhnt, dass sie sich nicht einmal mehr nach dieser vollkommenen Liebe sehnen; sie schieben dieses Eins werden auf, bis sie einander im Himmel begegnen. Und doch betonte der Herr im Blick auf unser Erdenleben zweimal: „Auf dass die Welt erkenne.“

„Auf dass sie eins seien gleichwie wir.“ Die Gemeinde muss dazu aufgeweckt werden, dass sie diese Bitte recht verstehen und schätzen lerne. Die Einigkeit, von der die Rede ist, muss eine Lebens- und Liebesgemeinschaft sein. Manche erklären diese Einigkeit dahin, als beziehe sie sich auf die verborgene Lebensgemeinschaft, die alle Gläubigen, auch bei äußerer Trennung, untereinander verbindet. Aber dies ist nicht der Sinn des Herrn; er spricht von etwas, das die Welt sehen kann, von etwas, dass der Einigkeit zwischen Gott dem Vater und Gott dem Sohne ähnlich ist. Die verborgene Lebensgemeinschaft muss sich in der sichtbaren Einigkeit und Gemeinschaft der Liebe offenbaren.

Was sollen wir aber tun, während wir auf diesen Tag warten und sein Kommen zu beschleunigen wünschen? Ein jeder, der mit dem Wort des Meisters: „Gleichwie ich, also auch ihr“, Ernst machen will, fange in seinem eigenen Kreise damit an. Sei es, dass die Glieder am Leibe des Herrn, von denen er umgeben ist, schwach und elend, verkehrt oder widerwärtig seien, er soll dennoch in Liebe eng mit ihnen verbunden bleiben. Ob sie es wollen oder nicht, ob sie seine Liebe annehmen oder zurückweisen, er soll sie mit Jesusähnlicher Liebe umfassen. Ja, es muss die Aufgabe seines Lebens werden, sie zu lieben, wie Jesus liebt. Eine solche Liebe wird wenigstens in etlichen Herzen einen Widerhall finden und auch in ihnen das Verlangen nach einem Leben der Liebe und der völligen Einigkeit erwecken.

Aber ach, welche Entdeckung der eigenen Unzulänglichkeit, je einen so hohen Standpunkt zu erreichen, wird bei solcher Anstrengung der Gläubige machen, der bis dahin mit dem gewöhnlichen Stand des christlichen Lebens befriedigt war! Er wird bald finden, dass nichts ihn zum Ziele bringen kann als eine persönliche, ungeteilte Übergabe an seinen Herrn. Um eine Liebe zu haben, die Jesu Liebe ähnlich ist, muss ich Jesu Leben haben: sein Leben muss das meinige geworden sein. Aufs Neue muss es erfasst werden, dass Jesus im vollen Sinne des Wortes das Leben derjenigen sein will, die es wagen, ihm so Großes zuzutrauen. Wer ihm nicht mit voller Zuversicht vertrauen kann, der kann auch nicht mit völliger Liebe lieben.

Mein Bruder, meine Schwester, höre noch einmal, wie einfach der Weg ist, um zu einem solchen Leben zu gelangen. Erkenne es vor allem als deinen Beruf, gerade wie Jesus zu leben und zu lieben. Bekenne es, dass du nicht im Geringsten imstande bist, diesen Beruf zu erfüllen. Ergreife die Verheißung, dass Jesus dich dazu tüchtig machen will, wenn du dich ihm rückhaltlos übergeben willst. Sage dem Herrn, dass du, im Bewusstsein deiner gänzlichen Ohnmacht, dich ihm darbietest, damit er in dir beides, das Wollen und das Vollbringen, wirke. Traue ihm dann auf das gewisseste zu, dass er, der durch seine unaufhörliche Fürbitte dich völlig erlösen kann, das in dir hervorbringen werde, was er für dich vom Vater erbeten hat. Ja, verlasse dich zuversichtlich auf ihn, der zum Vater gefleht hat: „Dass sie eins seien, gleichwie wir“, dass er mit göttlicher Macht sein Leben in dir entfalten wird. In dem Maß, als sein Leben dich erfüllt, wirst du auch lieben, wie er liebt.

Das Eins sein Jesu mit dem Vater ist unser Vorbild; wir sollen eins sein, wie sie eins sind. Lasset uns einander lieben, einander dienen, tragen, helfen, füreinander leben. Hierzu ist unsere Liebe viel zu klein und schwach; aber wir wollen den Herrn Jesus ernstlich bitten, dass er uns seine Liebe mitteile. Wenn die Liebe Gottes durch den heiligen Geist in unsere Herzen ausgegossen ist, so werden wir dergestalt eines werden, dass die Welt erkennen wird, dass der Vater wahrlich Christus in die Welt gesandt, und dass Jesus das himmlische Wesen der Liebe in uns gelegt hat.

Heiliger Vater, wir wissen nun, mit welchen Bitten er, der immerdar lebet und uns vertritt, beständig zu dir kommt: er verlangt nach der vollkommenen Einigkeit seiner Jünger. Vater, auch wir flehen dich an um diesen Segen. Ach, wie zerspaltet ist doch deine Gemeinde! Es ist nicht die Trennung nach Ländern und Sprachen, die wir beklagen; nicht der Unterschied in der Auffassung mancher Lehren bekümmert uns am meisten; nein, es ist der Mangel jener Einigkeit im Geist, jener Liebe, wodurch deine Gemeinde die Welt überzeugen sollte, dass sie himmlischen Ursprungs ist.

Herr, mit tiefer Scham bekennen wir vor dir die Kälte, die Selbstsucht, das Misstrauen und die Bitterkeit, die zuzeiten auch an deinen Kindern zu sehen ist. Wir bekennen vor dir unseren eigenen Mangel an der brünstigen, vollkommenen Liebe, zu der du uns berufen hast. Vergib, und erbarme dich unser.

Herr, unser Gott, besuche dein Volk. Nur durch den einigen Geist können wir erkennen und bezeugen, dass wir eins sind in dem einen Herrn. Lasse deinen heiligen Geist mächtig wirken in deinen Gläubigen, um sie einig zu machen. Mache es überall fühlbar, wo Gottes Kinder Zusammenkommen, wie unumgänglich notwendig eine enge Gemeinschaft in der Liebe Jesu ist. Lasse auch mein Herz, vom eigenen Ich erlöst, in der Gemeinschaft mit deinen Kindern erfahren, dass wir eins sind, gleichwie du, Vater, mit deinem Sohne eins bist.