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Mit ihm gekreuzigt

Ich bin mit Christo gekreuzigt: ich lebe aber; doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Es sei aber ferne von mir, mich zu rühmen; denn allein von dem Kreuz unseres Herrn Jesu Christi, durch welchen mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt. (Gal.2,20 und 6,14)

Als Prüfstein ihrer Echtheit hat Jesus von seinen Jüngern verlangt, dass sie das Kreuz auf sich nehmen. Bei den verschiedenen Gelegenheiten (Matth. 10, 38; 16, 24; Luk. 14, 27) treten uns die Worte entgegen: „Will mir jemand nachfolgen . . . der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir.“ Solange unser Herr noch auf dem Wege zum Kreuze sich befand, so war der Ausdruck — „das Kreuz aufnehmen — der geeignetste, um den Jüngern zu zeigen, zu was sie in der Gemeinschaft mit ihm berufen waren. Aber nun, da er gekreuzigt worden ist, gebraucht der Heilige Geist einen anderen Ausdruck, durch den unsere Umgestaltung nach Jesu Bild noch kräftiger dargestellt wird — der gläubige Jünger Jesu ist selbst mit ihm gekreuzigt. Das Hauptkennzeichen des Christen ist wie bei Christus das Kreuz; der gekreuzigte Christus und der gekreuzigte Christ gehören zusammen. Die wesentlichste Ähnlichkeit mit Jesus besteht darin, mit ihm gekreuzigt zu sein. Wer danach verlangt, mit ihm ähnlich werden, der muss das Geheimnis der Gemeinschaft seines Kreuzes zu verstehen suchen.

Auf den ersten Blick schreckt der Gläubige, der sich nach der Umgestaltung nach Jesu Bild sehnt, vor dieser Wahrheit zurück; ihm graut vor den schmerzlichen Leiden, vor seinem Tode, womit der Gedanke an das Kreuz verbunden ist. Je klarer jedoch seine geistliche Erkenntnis wird, desto mehr findet er alle seine Hoffnung und Freude gerade in diesem Wort. Er rühmt sich des Kreuzes, weil es ihn eines bereits vollbrachten Todes und Sieges teilhaftig macht, wodurch ihm die Erlösung von der Macht des Fleisches und der Welt zugesichert ist.

Es wird diesem Befehl des Herrn die Spitze abgebrochen, wenn Christen ihn nur dahin deuten, dass sie die Trübsale dieses Lebens geduldig ertragen sollen. Er fasst viel mehr in sich. Das Kreuz bedeutet den Tod. Das Kreuz auf sich nehmen, heißt sich zum Sterben anschicken. In den Tagen äußeren Glücks ist es am notwendigsten, das Kreuz aufzunehmen. Das Kreuz auf uns nehmen und ihm nachfolgen bedeutet nichts Geringeres, als unser eigenes Leben, unseren eigenen Willen täglich in den Tod gegeben zu haben. Um dies zu verstehen, müssen wir genau auf die Sprache der Schrift achten.

„Ich bin mit Christus gekreuzigt“, sagte Paulus, „ich lebe aber; doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“ Durch den Glauben an Jesus Christus werden wir seines Lebens teilhaftig. Dieses ist ein durch den Kreuzestod hindurchgegangenes Leben, worin die Kraft jenes Todes beständig wirksam ist. Sobald ich dies Leben empfange, wird mir zugleich die volle Kraft des Kreuzestodes zuteil, der mit unaufhörlicher Macht in mir arbeitet. „Ich bin mit Christus gekreuzigt: ich lebe aber; doch nun nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir“; was ich jetzt lebe, ist nicht mehr mein eigenes Leben, sondern das Leben des Gekreuzigten, das Leben des Kreuzes. Die Kreuzigung ist etwas Vergangenes, hinter mir liegendes: „Wir wissen, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt worden ist“; „Welche aber Christus angehören, die haben ihr Fleisch gekreuzigt “: „Ich rühme mich von dem Kreuz unsers Herrn Jesu Christi, durch welchen mir die Welt gekreuzigt worden ist, und ich der Welt.“ In allen diesen Stellen ist von etwas die Rede, das in Christus geschehen ist, und wozu ich durch den Glauben gelangt bin.

Es ist von hoher Wichtigkeit, dass ich dies recht verstehe, und dass ich es wage, die Wahrheit kühn auszusprechen: „Ich bin mit Christus gekreuzigt worden; ich habe das Fleisch gekreuzigt.“ Dadurch kann ich es erfassen, welchen vollkommenen Anteil ich an dem vollbrachten Werk Christi habe. Bin ich mit ihm gekreuzigt und gestorben, so bin ich auch seines Lebens und seines Sieges teilhaftig. Ich lerne verstehen, welche Stellung ich einzunehmen habe, damit die Kraft jenes Kreuzes, jenes Todes sich in mir offenbaren könne dadurch, dass der alte Mensch und das Fleisch getötet und der Leib der Sünde zerstört wird (Röm. 6, 6).

Über eine wichtige Erkenntnis muss ich mir im Klaren sein. „Ich bin gekreuzigt worden, oder muss ich noch gekreuzigt werden? Der alte Mensch wurde laut Römer 6 gekreuzigt. Was ich zu tun habe ist das, den alten Menschen als gekreuzigt anzusehen und danach zu behandeln, und ihm nicht zu erlauben, vom Kreuz herabzusteigen. Ich muss meine Stellung als ein Gekreuzigter festhalten, ich muss das Fleisch am Kreuze angenagelt lassen. Um die daraus strömende Kraft zu erfahren, ist es nötig, einen richtigen Unterschied festzustellen.

Ich bin gekreuzigt worden und bin gestorben; der alte Adam ist auch gekreuzigt worden, aber noch nicht gestorben. Als ich mich mit allem, was ich war, mit meinem Fleisch und meiner Sünde meinem gekreuzigten Heiland hingab, nahm er mich völlig hin; ich wurde samt meiner alten bösen Natur in seine Kreuzigung eingeschlossen. Aber nun trat eine Scheidung ein. In der Gemeinschaft mit ihm wurde ich frei von dem Leben des Fleisches; ich selbst starb mit ihm; im innersten Mittelpunkt meines Lebens empfing ich ein neues Leben: Christus lebt in mir. Aber das Fleisch, in dem ich noch bin, der alte Mensch, der mit Christo gekreuzigt worden ist, bleibt zu einem verfluchten Tode verurteilt; allein er ist noch nicht gestorben. Und nun ist es meine Aufgabe, in der Gemeinschaft mit meinem Herrn und in seiner Kraft darauf zu achten, dass das alte Wesen am Kreuze bleibt, bis die Zeit kommt, da es ganz zerstört werden wird. Alle seine Lüste und Begierden rufen laut: „Steig herab vom Kreuz; hilf dir selbst und uns.“ Aber nun ist es meine Pflicht, mich des Kreuzes zu rühmen, von ganzem Herzen dem Kreuz das Zepter einzuräumen und das bereits ausgesprochene Urteil zu bestätigen, jede Aufwallung der Sünde, als bereits gekreuzigt, zu töten, und ihr so die Herrschaft über mich zu verweigern.

Dies ist die Bedeutung der Stellen: „So ihr durch den Geist des Fleisches Geschäfte tötet, so werdet ihr leben“ (Röm. 8,13). „So tötet nun eure Glieder, die auf Erden sind.“ — Somit gestehe ich beständig und aus freiem Antrieb, dass in meinem Fleisch nichts Gutes wohnt; dass Christus, der Gekreuzigte, mein Herr ist; dass ich in ihm gekreuzigt und gestorben bin; dass das Fleisch auf immer dem Kreuzestode verfallen ist. Wenn ich auf diese Weise tatsächlich mit Christo gekreuzigt bin, so kann ich auch leben wie er.    

Um die Bedeutung und die Kraft dieser Gemeinschaft mit dem Kreuze unsers Herrn in ihrer ganzen Fülle zu erfassen, ist den Nachfolgern Jesu zweierlei von Nöten. Erstens müssen sie sich dieser ihrer Gemeinschaft mit dem Gekreuzigten durch den Glauben klar bewusst werden. Bei ihrer Bekehrung werden sie schon hineingepflanzt, ohne dass sie recht verstanden, was mit ihnen vorgegangen war. Durch Mangel an geistlicher Erkenntnis bleiben viele ihr Leben lang im Unklaren darüber. Bitte den heiligen Geist, dass er dir deine Verbindung mit dem Gekreuzigten offenbare. „Ich bin mit Christo gekreuzigt“; „ich rühme mich des Kreuzes Christi, durch welches ich der Welt gekreuzigt bin.“ Erfasse solche Worte der Heiligen Schrift, und mache sie durch nachdenkendes Gebet zu deinen eigenen, und bitte den heiligen Geist, sie lebendig und wirksam in dir zu machen. Siehe dich im Lichte Gottes an als jemanden, der in der Tat mit Christus gekreuzigt ist.

Durch die Gnade wirst du dann zu dem zweiten dir nötigen Stücke geführt werden: du wirst imstande sein, als ein Gekreuzigter zu wandeln, in dem Jesus lebt. Du wirst das Fleisch und die Welt allezeit als an das Kreuz genagelt betrachten und behandeln können. Das alte Wesen wird wohl stets suchen, sich zur Geltung zu bringen, und dir vorhalten, es sei doch zu viel verlangt, immer dieses Kreuzigungsleben zu führen. Deine einzige Sicherheit besteht in der Gemeinschaft mit Jesus. „Durch ihn und sein Kreuz“, sagt Paulus, „bin ich der Welt gekreuzigt.“ Sofern du in ihm bist, ist deine Kreuzigung eine vollendete Tatsache; in ihm bist du gestorben, aber auch lebendig gemacht worden: Christus lebt in dir. Lasse dir diese Gemeinschaft seines Kreuzes je tiefer, je lieber werden; du kommst dadurch auch in immer innigere Gemeinschaft mit seinem Leben und seiner Liebe. Mit Christus gekreuzigt, bist du freigeworden von der Herrschaft der Sünde, ein Erlöster, ein Überwinder. Denke daran, dass des Heiligen Geistes Amt es hauptsächlich ist, Christus in dir zu verklären, dir zu offenbaren, dir zu eigen zu machen alles, was in Jesus für dich bereit liegt. Lasse es dir nicht, wie so vielen anderen, daran genügen, dass du die versöhnende Kraft des Kreuzes kennst: die Herrlichkeit des Kreuzes liegt darin, dass es nicht allein für Jesus der Pfad zum Leben wurde, sondern dass es jeden Augenblick auch in uns die Macht werden kann, die die Sünde und den Tod zerstört, und uns in der Kraft des ewigen Lebens erhält. Lerne von deinem Heiland die Kunst, das Kreuz so zu gebrauchen. Der Glaube an die Macht und an den Sieg des Kreuzes wird Tag für Tag die Geschäfte, die Lüste des Fleisches im Tode erhalten. Dieser Glaube wird dich lehren, das Kreuz, das dein altes Ich beständig tötet, zu deinem Ruhm zu machen. Denn-du schaust nun auf das Kreuz, nicht als einer, der noch auf dem Wege zur Kreuzigung wäre, dem ein qualvoller Tod noch bevorstünde, sondern als einer, für den die Kreuzigung eine bereits geschehene Tatsache ist, der in Christo lebt, und der das Kreuz nur noch trägt, als das gesegnete Werkzeug, wodurch der Leib der Sünde vernichtet wird. Das Kreuz ist das Panier, unter dem der vollständige Sieg über Sünde und Welt errungen wird.

Vor allem aber vergiss die Hauptsache nicht; vergiss nicht, dass Jesus, der lebendige, liebevolle Heiland es ist, der es selbst in dir zustande bringen will, dass du ihm in allen Stücken ähnlich werdest. Durch seine Gemeinschaft, seine zarte Liebe, seine göttliche Macht, wird es dir zur höchsten Freude, ihm, dem Gekreuzigten, ähnlich zu werden, und das Leben der beständigen Kreuzigung wird ein Leben voll Auferstehungsfreude und Kraft. In ihm sind diese beiden Stücke unzertrennlich verbunden. In ihm bekommst auch du die Freudigkeit, beständig einzustimmen in den Siegesgesang: „Es sei ferne von mir rühmen, denn allein von dem Kreuz unseres Herrn Jesu Christi, durch welchen mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt.

Teurer Heiland, demütig bitte ich dich, du wollest mich die verborgene Herrlichkeit der Gemeinschaft deines Kreuzes lehren. An das Kreuz, die Stätte des Fluches und des Todes, da habe ich hingehört. Du bist uns gleich gemacht, bist für uns gekreuzigt worden. Und nun ist das Kreuz die Stätte des Segens und des Lebens. Du hast mich dazu berufen, dir gleich zu werden, und als ein mit dir Gekreuzigter zu erfahren, wie vollständig das Kreuz mich von der Sünde befreit hat.

Herr, gib mir die volle Kraft des Kreuzes zu erkennen. Schon lange habe ich seine vom Fluche erlösende Kraft erfahren; aber wie lange habe ich, als ein Erlöster, vergeblich danach getrachtet, die Macht der Sünde zu überwinden, und dem Vater so gehorsam zu sein, wie du es warst. Ich konnte die Macht der Sünde nicht brechen. Jetzt erkenne ich es, dass dies nur erreicht werden kann, wenn dein Jünger sich dem heiligen Geiste ganz hingibt, dass er ihn zu der Gemeinschaft deines Kreuzes führe, und er dadurch erkenne, wie das Kreuz auf ewig die Macht der Sünde gebrochen, und ihn freigemacht hat. Du, o Gekreuzigter, lebst dann in ihm, und teilst ihm deinen Geist mit, wenn er sich von ganzem Herzen dir zum Opfer darbringt, auf dass die Sünde ausgetrieben und überwunden werde. 0 mein Herr, lehre mich dies besser zu verstehen, dass auch ich im Glauben sagen kann: „Ich bin mit Christus gekreuzigt.“ 0 du, der du mich bis zum Tode geliebt hast, nicht dein Kreuz, nein dich, den Gekreuzigten, suche ich, auf dich hoffe ich. Nimm mich hin, du Gekreuzigter, und halte mich fest; lehre mich, alles Eigene als zum Kreuzestode verurteilt zu sehen, nimm mich hin, halte mich, und zeige mir, dass ich in dir jeden Augenblick alles habe, was ich brauche zu einem gesegneten, heiligen Leben. Amen.

 

Anmerkung. „Christus hat jetzt viele Liebhaber seines himmlischen Reiches, aber wenige Träger seines Kreuzes. Er hat viele, die seines Trostes, aber wenige, die seiner Trübsal begehren; viele, die seiner Speise, aber wenige, die seines Fastens begehren. Viele rühmen sich seiner Wunder, aber wenige der Schmach seines Kreuzes.

Vielen Menschen scheint diese Rede hart zu sein: „Verleugne dich selbst, nimm dein Kreuz auf dich und folge Jesu nach.“ Aber viel härter wird jenes andere Wort klingen: „Gehet hin von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer“;

denn nur diejenigen, die jetzt das Wort vom Kreuz gerne hören und befolgen, werden sich vor der ewigen Verdammnis nicht zu fürchten brauchen. Das Zeichen des Kreuzes wird im Himmel sein, wenn der Herr zu richten kommen wird; dann werden alle Diener des Kreuzes, die im Leben dem Gekreuzigten gleichförmig gemacht worden sind, mit großem, sicherem Vertrauen Christus, dem Richter, sich nahen. Warum fürchtest du denn das Kreuz, das dich zum Reich tüchtig macht? Im Kreuz ist das Heil; im Kreuz ist Schutz gegen alle Feinde; im Kreuz fließt dir alle himmlische Süßigkeit zu; im Kreuz liegt die Stärke der Seele, die Freude des Geistes; im Kreuz ist die höchste Tugend, die vollkommene Heiligkeit. Die Seele findet nirgends ihr Glück als allein im Kreuze. Darum nimm dein Kreuz auf dich und folge Jesus nach, auf dass du ewiglich leben mögest.

Wer sich dem Kreuze willig unterwirft, dem wird alle seine Last in Zuversicht göttlichen Trostes verkehrt. Je mehr das Fleisch durch das Kreuz zerbrochen wird, desto mehr wird der Geist durch innerlichen Trost gestärkt. Es liegt nicht in der Natur des Menschen, das Kreuz zu tragen, das Kreuz zu lieben, sich selbst zu verleugnen, den Leib zu unterwerfen und willig Leiden zu erdulden. Wenn du auf dich selbst blickst, so kannst du deren keines vollbringen; vertraust du aber auf den Herrn, so wird dir Stärke vom Himmel herab gegeben werden, ja die Welt und dein Leib wird deiner Gewalt unterworfen. Lasse es dir daher ein rechter Ernst sein, das Kreuz deines Herrn, der aus Liebe für dich gekreuzigt wurde, männlich zu tragen.

Du sollst wissen, dass du ein sterbendes Leben führen musst, denn je mehr der Mensch sich selbst abstirbt, desto mehr lebt er seinem Gott. Wahrlich, wenn etwas dem Heil der Menschen förderlicher gewesen wäre als das Tragen des Kreuzes, so hätte Jesus es uns durch Wort und Beispiel kundgetan; aber nun beruft er deutlich alle, die ihm nachfolgen wollen, zu diesem einen: täglich das Kreuz zu tragen.“